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Der Airbus A350 XWB hebt ab (Foto: → Airbus).

Gestern begann in Le Bourget bei Paris die wichtigste Luftfahrtmesse des Jahres (→ Paris Air Show). Rechtzeitig vorm großen Branchentreff hat am Freitag der neue A350 XWB erfolgreich seinen Jungfernflug absolviert. Mit dem 2-strahligen Langstreckenflieger attackiert Flugzeugbauer Airbus den “Dreamliner” (B787) des Erzrivalen Boeing. In diesem Blog-Eintrag wird der Fall Airbus A350 vs. Boeing B787 unter der Perspektive des Innovations- und Zeitwettbewerbs diskutiert.

Rückblick: Das „Go!“ für den Dreamliner, das nach Jahrzehnten erste Projekt für eine komplette Neuentwicklung, gab man bei Boeing Ende 2003. Das besondere technologische Charakteristikum des B787 ist der große Anteil verwendeter Faserverbundstoffe (CFK), die in vielen Baugruppen anstelle von Metallen verbaut werden. Diesen Werkstoffwechsel bekamen die Produktionsexperten von Boeing und maßgebliche Lieferanten nur schrittweise in den Griff. Deutlich später als geplant fand im Dezember 2009 des „Seven-Late-Seven“-Fliegers statt. Erst im Oktober 2011 konnte All Nippon Airways den ersten Dreamliner in Dienst nehmen. Im Wettbewerb gegen den europäischen Konkurrenten landete Boeing dennoch einen Treffer. Bis Mai 2013 wurden insgesamt 890 treibstoffsparende B787 geordert und 57 ausgeliefert.

2003 startete Boeing die Entwicklung des Dreamliners (B787), dessen Inbetriebnahme zunächst für 2008 angepeilt wurde. Die Antwort von Airbus war der Plan, den A330 weiterzuentwickeln. Das kam aber bei den Kunden nicht gut an. Die forderten von Airbus ein völlig neugestaltetes Flugzeug. 2006 startete das A350 XWB-Projekt.

Airbus kam durch Boeings 787-Projekt in Zugzwang, auch wenn man das zunächst nicht wahrhaben wollte und das Vorhaben als reine Reaktion auf das Airbus-Modell A330 von 1994 herunterzuspielen versuchte. Verständlich, denn man hatte gerade genug damit zu tun, den großen A380 startklar zu machen (Erstflug: 27.04.05, Entry into Service: 25.10.07). Als das Airbus-Management begriff, dass sich die Bedrohung durch den 787 nicht einfach wegdiskutieren ließ, versuchte man die Kunden für den Plan zu erwärmen, den A330 zum A350 weiterzuentwickeln. Dieser A350, gewissermaßen ein A330 neo, sollte mit neuen Flügeln und neuen Triebwerken, aber unverändertem A330-Rumpf schon 2011 einsatzbereit sein. Aufgrund des relativ niedrigen Neuheitsgrades hätten die Kosten dieses Entwicklungsprojekts “nur” ca. 4 Milliarden Euro betragen.

An diesem Punkt wird’s spannend, denn das Konzept eines halbneuen A350 kam bei wichtigen Kunden nicht an. Airbus verwende zu wenig neue Technologien, das Flugzeug sei zu langsam, der Rumpf zu schmal, die Betriebskosten zu hoch. Mitte 2006 steuerte Airbus um, und die Entwicklung eines komplett neuen A350 XWB (= Extrawide Body) wurde gestartet. Ein Entry Into Service (EIS) 2011, wie für den A350 ursprünglich geplant, war damit Makulatur. Außerdem werden bis zum Projektende nicht vier, sondern 10 bis 12 Milliarden Euro in die Entwicklung geflossen sein.

Die grundlegende technische Überarbeitung des Entwurfs war den großen Kunden in diesem Fall also wichtiger als ein früher Erstliefertermin. Unternehmen in der Luftfahrtbranche müssen eine passende Balance beider Stellhebel erreichen, des Timings der Markteinführung auf der einen und der Gestaltung des technologischen Neuheitsgrades auf der anderen Seite.

Der damalige Airbus-Chef Tom Enders (heute führt er EADS) machte in einem Interview 2010 aus der A350-wird-A350 XWB-Kehrtwende eine schlüssige Story:

„Ich hatte das Vergnügen, … den Dreamliner zu besichtigen. Keine Frage: Boeing baut sehr gute Flugzeuge – aber unsere sind besser. Unser Airbus A350 kommt in drei Jahren auf den Markt. Zwar später, aber leistungsfähiger und effizienter. In unserem Geschäft kommt es nicht darauf an, etwas früher oder später auf dem Markt zu sein. Wir bauen und verkaufen unsere Flieger jahrzehntelang, da ist viel entscheidender, das bessere Produkt zu haben.“

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Besser heißt bei Passagierflugzeugen vor allem kostengünstiger. Bei den Kunden von Airbus und Boeing, den Airlines, fällt ein Drittel der Kosten durch den Kerosinverbrauch an. Bei Airbus glaubt man, dass ein A350 XWB gegenüber einem 2-strahligen Langstreckenjet der vorherigen Generation (dazu zählen der A330 und Boeings B777) satte 25 Prozent weniger Flugbenzin verbraucht (→ Airbus). Mit dem anfangs angedachten A330-Redesign wäre dieser Effizienzsprung sicher nicht möglich gewesen. Im komplett neuentworfenen A350 XWB verwendet Airbus nun aber viele leichte CFK-Bauteile. 53 Prozent des sogenannten Airframes (Rumpf, Flügel, Fahrwerk, nicht Triebwerke) bestehen aus solchen Carbonfaser-Materialien. Bei Boeings Dreamliner sind es 50 Prozent. Ein kleines Indiz dafür, dass die Strategie von Airbus (“… später, aber leistungsfähiger und effizienter”) funktioniert haben könnte.

Der Nürnberger Professor Werner Pfeiffer nennt dieses Vorgehen eines Unternehmens in der Verfolgerrolle “Überholen ohne Einzuholen”.[→1] Dabei werden erfolgreiche Innovatoren wie Boeing mit technisch (deutlich) verbesserten Produkten angegriffen, nicht mit Imitaten.

Mit der A350 XWB-statt-A350-Entscheidung hat Airbus auf einen hohen Neuheitsgrad gesetzt und gleichzeitig eine Verzögerung von drei, vier Jahre in Kauf genommen. Bei jahrzehntenlangen Marktzyklen ist das zu verkraften. Dennoch sind Entry into Service-Termine keineswegs völlig unbedeutend. Dies zeigt auch eine zweite kurze Geschichte aus der Branche. Im Dezember 2010 lancierte Airbus das A320 neo-Projekt (neo = new engine option). Schon 2015 sollen neue Triebwerke helfen, den Kerosinverbrauch der Flieger der A320-Familie deutlich zu senken. Anders als beim A350 XWB war dieses Mal Tempo wichtiger als eine umfassende Neuentwicklung. Boeing will schnell nachziehen und wird dabei – wie Airbus – nur ändern, nicht neuentwerfen. Aus der 737 wird die 737 MAX. Vor Le Bourget 2013 führte bei den Bestellungen neo gegen MAX 2.200 : 1.400.

Abschließend zwei Hinweise zum Thema Zeitwettbewerb: Ende 2011 habe ich darüber einen Vortrag an der Hochschule Ulm gehalten. Neben Beispielen aus der Luftfahrttechnik kamen darin auch die Halbleiter- und die Automobilindustrie vor. Im Wikipedia-Artikel “Zeitfalle” werden die Rahmenbedingungen des Zeitwettbewerbs behandelt.

Verwandter Blog-Eintrag:
HM3 – Die teuerste Badewanne der Welt
1983 revolutionierte Dornier Medizintechnik mit dem Lithotripter HM3 die Behandlung von Nierensteinen. Verfolger Siemens brachte 1986 einen deutlich verbesserten Nierensteinzertrümmerer auf den Markt.

Anmerkung:
[1] “Überholen ohne Einzuholen” lautete das Motto, das der SED-Chef und DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht Ende der 1960er Jahre für den Wettbewerb des planwirtschaftlichen DDR-Wirtschaftssystems mit marktwirtschaftlichen Systemen ausgegeben hatte. Laut der Parteizeitung Neues Deutschland hieß das: “Wir wollen dem gegenwärtigen Welthöchststand nicht auf bereits mehr oder weniger bekannten Wegen nacheilen, um ihn zu erreichen. Vielmehr wollen wir, gewissermaßen an ihm vorbei, völlig neue Wirk- und Arbeitsprinzipien, neue Technologien erkunden und praktisch beherrschen und auf diese Weise einen neuen Höchststand bestimmen.” Nachzulesen in → diesem Artikel der ZEIT von 1970. Geklappt hat’s bekanntermaßen nicht. Siehe: 1990: Ende der DDR-Planwirtschaft.[↑]

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Open Air in Ulm: Musical “Hair”, Leichtathletik-DM, Fischerstechen
(Fotos: broadwaysd.com, germanpulse.com, Jürgen Pichler)

Let the sunshine in!” heisst es bald auf der Ulmer Wilhelmsburg. Nach dem wettermäßig total verkorksten Mai wohl das beste Motto für die nächsten Wochen. Hier drei Tipps, wo man sich in der näherrückenden Prüfungszeit ein bisschen Luft verschaffen kann:

16. Juni bis 20. Juli: Theatersommer auf der Wilhelmsburg

Im 2-Jahres-Rhythmus gibt’s auf der Wilhelmsburg Open-Air-Vorstellungen des Theaters Ulm. Vom 16. Juni bis zum 20. Juli stehen das Musical “Hair” und das Schauspiel “Der Hauptmann von Köpenick” auf dem Programm. An einem lauen Sommerabend ist die Festung auf dem Michelsberg eine tolle Location. Das wissen auch die Ulmer Theaterfreunde. Die “Hair”-Vorstellungen an Freitagen und Samstagen sind bereits ausverkauft. Für die Dienstags-, Mittwochs- und Donnerstagstermine sind aber noch Karten erhältlich. Tickets für Studierende gibt’s ab 12,40 Euro (Hair) bzw. 7,80 Euro (Hauptmann von Köpenick).

Im Vorverkaufsportal des Theaters lässt sich nachschauen, ob für eine bestimmte Vorstellung noch Karten erhältlich sind.

Wer zum ersten Mal auf der Wilhelmsburg eine Vorstellung besuchen will, bekommt vom Südwest Presse-Redakteur Robert Dönges hilfreiche Tipps in dessen Blog.

6. und 7. Juli: Leichtathletik-DM

Fußball hat bis zum Bundesliga-Start am 9. August weitgehend Sommerpause. Zeit, sich mal was anderes anzuschauen. Im Ulmer Donaustadion finden am ersten Juli-Wochenende (6.+7.7.) die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften statt. Die Ergebnisse sind entscheidend für die Nominierungen zur WM, die Mitte August in Moskau stattfindet. Eine Reihe von olympischen Medaillengewinnern wird an den Start gehen, z. B. Robert Harting (Diskus-Olympiasieger in London), die Stabhochspringer Björn Otto und Raphael Holzdeppe (Silber und Bronze), “Hammerfrau” Betty Heidler (Bronze) und die Speerwurfasse Christina Obergföll und Linda Stahl (Silber und Bronze). Der Zeitplan ist vollgepackt, ständig fällt an irgendeiner Ecke des Stadions eine Entscheidung. Beste Voraussetzungen für zwei kurzweilige Nachmittage.

14. und 21. Juli: Fischerstechen

Die Leichtathleten kommen wohl schon 2014 wieder nach Ulm. Das nächste Fischerstechen nach 2013 findet dagegen erst 2017 statt. Also nicht zögern, sondern am 14. oder 21. Juli an die Donau kommen und zuschauen. Die Turnierregeln ähneln denjenigen der Champions League. Es gibt eine Gruppen- und dann eine K.O.-Phase. Um zu gewinnen muss man möglichst oft “trocken” bleiben. Klingt einfach und einleuchtend, wird aber trotzdem im Reglement genau erläutert:

“Als Grundregel gilt: Ein Stecher muss »trocken« bleiben, um im Turnier weiterzukommen – ein Stecher gilt als »nass« und somit nicht mehr als »trocken«, wenn er
•  ins Wasser fällt
•  vom Standplatz in die Zille tritt
•  seinen Speer verliert
•  nach dem Speer des Gegners greift
•  durch unfaires Handeln seinen eigenen Sturz verhindert
  oder den des Gegners provoziert.”

Viel Spaß und sommerliches Wetter!
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Rupert Stadler, Uli Hoeneß und Martin Winterkorn im Jahr 2009
(Foto: Audi; ein kleines bisschen Photoshop war auch im Spiel)

Da stimme ich Uli Hoeneß mal uneingeschränkt zu. Einen “Riesenmist” hat der Präsident des FC Bayern München nach eigener Aussage gebaut. Sein millionenschwerer Steuerbetrug ist ein Fall für die Münchner Staatsanwaltschaft. In diesem Blog geht’s aber nicht um die steuer(straf)rechtlichen, sondern um die BWL-Facetten des Skandals. Das Ganze ist auch eine Compliance-Angelegenheit. Mit diesem angelsächsischen Schlagwort wird die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen, firmeninterner Richtlinien und ethischer Verhaltensgrundsätze bezeichnet. Vor allem angesichts mehrerer Korruptionsaffären genießt das Thema in deutschen Unternehmen seit einigen Jahren erhöhte Aufmerksamkeit. Bei Daimler wurde z. B. für das neue Ressort Recht und Integrität sogar eine Verfassungsrichterin in den Konzernvorstand berufen.

Auch auf den www-Seiten des → skandalerfahrenen Volkswagen-Konzerns findet man natürlich geschliffene Aussagen zum Compliance-Verständnis. Neben gesetzlichen und internen Bestimmungen seien genauso freiwillig eingegangene Verpflichtungen und ethische Grundsätze Richtschnur des Handelns. Damit die Mitarbeiter die VW-Verhaltensregeln verinnerlichen, gibt es einen ausführlichen “Code of Conduct”. Und damit niemand den Ernst der Thematik unterschätzt, hat VW-Vorstandschef Winterkorn im März 2012 seine Sicht klargestellt.

“Kernwerte wie Integrität und Fairness nicht nur zu definieren, sondern diese auch bewusst zu leben, wurde und wird von der Unternehmensführung ausdrücklich gefordert. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns Prof. Dr. Martin Winterkorn unterstrich im März 2012 vor mehr als 3.900 Führungskräften, dass es beim Thema Compliance zum Schutz der Reputation des Unternehmens keinerlei Toleranz gibt.”
(aus dem Corporate Governance Bericht 2012 der VW AG)

Was hat das nun mit Uli Hoeneß zu tun? Der ist schließlich kein VW-Mitarbeiter, und die berühmten VW-Würstchen entstehen im Wolfsburger Werk in Eigenfertigung (→ “VW: Currywürste und Ketchup als Verkaufsrenner”). Herrn Winterkorn trifft Wurstfabrikant Hoeneß dennoch regelmäßig geschäftlich. Beide sind Mitglied des Aufsichtsrates (AR) der FC Bayern München AG (kurz: FCB AG). Hoeneß ist sogar der Vorsitzende des 9-köpfigen Kontrollgremiums und darf es auch vorläufig bleiben.

Mitglieder des Aufsichtsrates FC Bayern München AG (Stand: 06.05.13):

• Uli Hoeneß (AR-Vorsitzender)
• Herbert Hainer (stellv. AR-Vors.), Vorstandsvorsitzender Adidas AG
• Rupert Stadler (stellv. AR-Vors.), Vorstandsvorsitzender Audi AG
• Timotheus Höttges, Finanzvorstand Dt. Telekom AG
• Karl Hopfner, 1. Vizepräsident FC Bayern München e.V.
• Helmut Markwort, Herausgeber Nachrichtenmagazin Focus
• Dieter Rampl, Verwaltungsratsvorsitzender UniCredit Group
• Edmund Stoiber, Bayerischer Ministerpräsident a.D.
• Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender Volkswagen AG

Wie die Liste zeigt, sitzt VW-Boss Winterkorn im FCB-Aufsichtsrat neben anderen Vertretern wichtiger Geldgeber. VW-Tochterunternehmen Audi ist seit 2002 Sponsor des FCB (“Audi-Cup” in der Sommerpause) und inzwischen auch Miteigentümer des Profifussball-Geschäfts. Noch viel länger ist Sportartikelhersteller Adidas mit den Münchnern verbandelt, seit gut einem Jahrzehnt auch als Aktionär. Vom Trikotsponsor Deutsche Telekom fließen jährlich 25 Millionen Euro in die Bayern-Kasse. Wichtige Akteure im Hoeneß-Drama und die Kapitalverflechtungen sind im nachfolgenden Schaubild zusammenfasst.

Uli Hoeneß ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der FC Bayern München AG. Deren Hauptaktionär ist der FC Bayern München e.V. Daneben gibt es zwei Unternehmen, die je 9,1 Prozent der Anteile besitzen, Adidas und Audi. Die wesentlichen kapitalmäßigen und personellen Verflechtungen zeigt die Grafik (Anklicken!).

Gestern, am 6. Mai, hat sich der FC Bayern-Aufsichtsrat in der Allianz-Arena getroffen. Die Herren haben entschieden, dass Uli Hoeneß sein Amt weiter ausüben soll (→ “Hoeneß bleibt vorläufig im Amt”). Hätten die anderen AR-Mitglieder den Vereinspatron eigentlich auch gegen seinen Willen rausschmeißen können? Nein, er vertritt als sogenanntes geborenes Mitglied den FC Bayern München e.V., dessen Präsident er seit 2009 ist. Vor einem halben Jahr, bei der Mitgliederversammlung 2012, wurde er mit 97 Prozent der Stimmen eindrucksvoll für weitere drei Jahre bestätigt.

“Der Präsident sowie der erste Vizepräsident gehören dem Aufsichtsrat der Gesellschaft, in die der Lizenzfußballbereich des Clubs ausgegliedert ist, als geborene Mitglieder an.”
§ 15 (5) Satzung FC Bayern München e.V.

Aufsichtsratsvorsitzender ist der FCB-Vereinspräsident allerdings nicht automatisch. § 107 (1) des Aktiengesetzes legt fest, dass in Aufsichtsräten deutscher AGs die Mitglieder aus ihrer Mitte den Vorsitzenden bzw. die Vorsitzende wählen. Unabhängig von dieser Regel ist aber klar, dass die übrigen AR-Mitglieder Hoeneß nicht in einer Kampfabstimmung absetzen wollten. Nach dem Gewinn der Meisterschaft und dem Erreichen des Champions League-Finales schwimmt “der Uli” in München und bei den FCB-Fans auf einer Sympathiewelle.

Der FC Bayern München e.V. hatte bei der letzten Zählung 187.865 Mitglieder (Stand: 2012). Mehr hat auf der ganzen Welt nur ein anderer Sportverein, Benfica Lissabon. In 3.202 Fanclubs wird den Ballkünsten von Schweinsteiger und seinen Mitspielern gehuldigt. Für die große Schar der FCB-Sympathisanten ist Hoeneß der “Nelson Mandela von der Säbener Straße”. Dieser – aus heutiger Sicht etwas peinliche – Lobpreis stammt von FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Die Manager von Adidas, VW, Audi und der Telekom konnten (und können) in der Causa Hoeneß abwägen: Ihre Compliance-Sprüche à la “Null Toleranz” standen (stehen) auf der einen Seite. Die Sorge, mit einem Anti-Hoeneß-Kurs den Zorn der FCB-Freunde auf sich zu ziehen, auf der anderen. Der FC Bayern gilt außerdem als eine der weltweit stärksten Marken in der Welt des Sports. Und so ließen Winterkorn & Co. beim geständigen Steuerkriminellen Uli H. erst einmal fünf gerade sein. Das Thema Compliance hat bis zum CL-Finale am 25. Mai in Wembley Ferien.

VW-Chef Winterkorn und die anderen Top-Manager können Hoeneß nicht einfach auswechseln. Innerhalb ihrer Konzerne ist ihre Handlungsmacht deutlich größer. Im Schaubild oben sieht man das am Beispiel von VW. Martin Winterkorn ist Vorsitzender des VW-Konzernvorstands. Gleichzeitig hat er bei der Audi AG, dem wichtigsten VW-Tochterunternehmen, das Amt des AR-Vorsitzenden inne. Der Aufsichtsrat wiederum bestellt die Mitglieder des Vorstands. Beim letzten großen Stühlerücken in der VW-Gruppe wurden Mitte 2012 beispielsweise gleich drei Audi-Vorstandsposten neu besetzt (→ “Konzernumbau bei VW”).

“Sein Schicksal wird in München entschieden, nicht in Herzogenaurach oder Wolfsburg”, sagte laut → Spiegel Online ein ungenannter Manager über Hoeneß’ Zukunft. Das stimmt. Trotz der Adidas- und Audi-Beteiligungen haben bei der FC Bayern München AG die FCB-Vereinsfunktionäre das Heft des Handelns in der Hand. Und die FC Bayern-Mitglieder passen auf, dass das so bleibt. Ende 2010 wurde in der Vereinssatzung festgeschrieben: Einem Verkauf von 30 oder mehr Prozent der Anteile an der FCB AG müsste eine Dreiviertelmehrheit in der “Mia san mia”-Mitgliederversammlung zustimmen. Eher wird der SSV Ulm Deutscher Meister.

Verwandte Blog-Einträge:
Spitzenspiel (Dezember 2012)
Der FC Bayern München und Borussia Dortmund im Finanzcheck. In puncto Vermögen sind die Münchner bärenstark. Der Club ist ca. 1 Milliarde Euro wert und hat einen kerngesunden laufenden Mittelzufluss. Die deutlich bessere Rendite haben zuletzt aber die Schwarz-Gelben erwirtschaftet.
Abstiegs(un)gefährdete Bayern (Februar 2012)
“FC Bayern wird in Europa zum Abstiegskandidaten”. Hört sich an wie ein Wunschtraum eingefleischter Dortmund-Fans, war aber eine Überschrift in der FAZ. Entwarnung! Die Münchner sind den Branchengrößen ManU, Real Madrid und dem FC Barcelona auch finanziell auf den Fersen.
Keine Schmusepflicht für Schäuble (November 2010)
Finanzminister Schäuble über Steuerhinterzieher Hoeneß: “Er hat mehr als großen Mist gebaut.” Bei mir sind die beiden Alphamännchen vor 2½ Jahren schon mal gemeinsam in einem Posting aufgetreten.

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25. April 1983: Pressekonferenz beim Stern. Im Bild (von links nach rechts):
Peter Koch, Thomas Walde, Gerd Heidemann (stehend) und Felix Schmidt
(Fotos: Landesarchiv Baden-Württemberg, Bild/Ullstein)

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher”, meinte einmal Albert Einstein. Die Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher bestätigte den Teil seiner Einschätzung, an dem der Nobelpreisträger ohnehin keine Zweifel hatte. Heute vor 30 Jahren, am 25. April 1983, fand im Gebäude des Verlages Gruner + Jahr (G+J) in Hamburg die wohl denkwürdigste Pressekonferenz der deutschen Mediengeschichte statt. Gerd Heidemann, Star-Reporter mit Faible für Nazi-Klimbim und “Entdecker” der Tagebücher, stand im Mittelpunkt der Präsentation. Das große Tagebuch-Fiasko des Magazins Stern, damals wie heute Flaggschiff der G+J-Zeitschriftenarmada, geht aber nicht allein auf die Kappe des Reporters. Von 1980 bis 1983 trieben etwa zehn bis zwölf nach und nach eingeweihte Stern-Redakteure und G+J-Manager das Projekt voran. Sämtliche Zweifel wurden innerhalb dieser Gruppe im Keim erstickt. Zum Glück! Sonst gäbe es die Filmkomödie “Schtonk!” nicht und auch nicht das Buch “Selling Hitler”.

Das Zustandekommen der Blamage liefert auch eine eindrucksvolle Fallstudie für das sogenannte Groupthink-Phänomen. Um diese Facette geht’s in diesem Posting.

Wer sich zunächst mit den Hauptakteuren des Tagebuchskandals bekannt machen möchte, findet z. B. auf den Seiten der ZEIT und des ZDF Lese- bzw. Anschaustoff. Felix Schmidt war vor 30 Jahren einer von drei Stern-Chefredakteuren. Die ZEIT veröffentlichte vor Kurzem seine Erinnerungen daran, wie der Mega-Flop ab Mai 1981 seinen Lauf nahm. Im ZDF gab’s zum 30. Jahrestag die 45-minütige Doku “Die Jahrhundertfälschung”. Sehr unterhaltsam.

In einem Interview mit der ZEIT deutet der Soziologie-Professor Harald Welzer die Entstehungsgeschichte des Tagebuch-GAUs als Groupthink-Beispiel.

Beim stern hatte man es … mit einer Unfähigkeit zu recherchieren zu tun. Erklären Sie uns die Mechanik dieser Gruppenhypnose.
Welzer: “Die Sozialpsychologie nennt das Gruppendenken, Groupthink. Eine hermetische Gruppe, deren Mitglieder dasselbe Geheimnis teilen und dieselbe Absicht verfolgen, neigt fast immer dazu, in ihren Wahrnehmungen vollkommen eindimensional zu werden – bis zu dem Punkt, an dem Skepsis inakzeptabel wird. Es gibt für solche Prozesse schöne historische Beispiele. Etwa die Fehlentscheidung der Kennedy-Regierung von 1961, die Invasion in der Schweinebucht auf Kuba zu wagen. Da hat man sich im Nachhinein auch gefragt: Wie konnte das sein, dass alle im Team die Dinge so falsch sahen, dass die Gruppe nicht mehr zur Selbstkorrektur fähig war? Kennedy hat daraus Lehren gezogen und bei späteren Entscheidungen immer auch Leute dazugeholt, die mit dem Sachverhalt gar nichts zu tun hatten. Genau das hat beim stern nicht stattgefunden. Zweifel wurden systematisch ausgeschaltet. Das funktionierte bis hin zu den falschen Lettern auf den Kladden. FH statt AH. Ein irres Beispiel! Die Leute sahen nur noch, was sie sehen wollten.”

Welzer spricht die gescheiterte Landung der Exilkubaner an. Der US-Geheimdienst CIA hatte den Plan ins Spiel gebracht, Kubas Staatschef Fidel Castro durch eine Invasion seiner Gegner wieder zu vertreiben. Die Operation Schweinbucht begann am 17. Juni 1961 und ging gründlich in die Hose. Das Versagen der beteiligten Beratergruppe um US-Präsident John F. Kennedy lieferte dem Yale-Professor Irving L. Janis (1918-1990) später das Paradebeispiel für sein Standardwerk “(Victims of) Groupthink”. Janis’ Kronzeuge war Arthur M. Schlesinger, Jr., von 1961 bis 1963 Special Assistant im Weißen Haus. Wie andere Berater war auch Schlesinger gegen den Schweinbucht-Plan des CIA. In den entscheidenden Sitzungen mit dem Präsidenten blieb der skeptische Berater aber stumm.

“In the months after the Bay of Pigs, I bitterly reproached myself for having kept so silent during those crucial discussions in the cabinet room . . . I can only explain my failure to do more than raise a few timid questions by reporting that one’s impulse to blow the whistle on this nonsense was simply undone by the circumstances of the discussion.” Die Sitzungen – so erinnerte sich Schlesinger weiter – fanden in einer eigenartigen Atmosphäre vermuteter Übereinstimmung statt (“curious atmosphere of assumed consensus”).

WWW-Link

Orts- und Zeitwechsel: Vom Weißen Haus 1961 nach Hamburg ins G+J-Verlagshaus während der frühen 1980er Jahre.

 Ein guter Nährboden für Groupthink

Irving Janis benennt einige allgemeine Faktoren, die Groupthink begünstigen können. Dazu zählen ein ausgeprägter innerer Zusammenhalt (Gruppenkohäsion), eine starke Abschottung und fehlende Methoden(-kenntnis) für die Gestaltung systematischer Entscheidungsprozesse. Im Fall der Hitler-Tagebücher kamen mehrere spezifische Aspekte dazu. Reporter Heidemann hatte in Bezug auf Nazi-Themen einen gehörigen Sprung in der Schüssel. Er war ab 1980 auf der Spur eines ersten Hitler-Tagebuchs, das Fälscher Konrad Kujau schon in der 1970er Jahren produziert hatte. Zunächst zog Heidemann beim Stern nur seinen unmittelbaren Chef Thomas Walde ins Vertrauen, den Leiter des Ressorts Zeitgeschichte. Die Chefredakteure, Peter Koch, Felix Schmidt und Rolf Gillhausen, wurden von Heidemann und Walde erst einmal nicht eingeweiht. Die beiden operierten an der Chefredaktion vorbei und gingen direkt in die Chefetage des G+J-Verlags. Dort begeisterten sie Manfred Fischer, den G+J-Vorstandschef für den Plan, ausgestattet mit viel Geld, auf die Suche nach weiteren schriftlichen Hinterlassenschaften des → Gröfaz zu gehen.

Der zunächst übergangene Chefredakteur Felix Schmidt erklärt die auf diesem Weg geschaffenen Rahmenbedingungen so:
“Wie hat dies [das Tagebuch-Desaster] geschehen können? Auf diese Frage gibt es keine befriedigende Antwort, nur Erklärungen. Zuvörderst die, daß durch die Kungelei zwischen Vorstand und zwei Redakteuren, durch die Verwischung der Zuständigkeiten über alle hierarchischen Instanzen hinweg ein Klima geschaffen worden war, in dem sich keiner mehr so richtig verantwortlich fühlte, jeder glaubte, der andere habe die Verantwortung übernommen.”
(→ F. Schmidt in der ZEIT)

Verhängnisvoll wirkte auch ein personeller Wechsel. Im Juli 1981 wurde Gerd Schulte-Hillen neuer G+J-Chef. Der Ingenieur übernahm das Projekt “Tagebücher” von seinem Vorgänger Fischer “ungeprüft” und im “blinden Glauben an die Echtheit”. So heisst es in einer Stern-Untersuchung, aus der die ZEIT zitiert. Für die später Eingeweihten wurde “von ganz oben” die fatale Prämisse gesetzt, die Tagebücher seien echt. Ohne ernsthafte Prüfung – verrückt!

Im Mai 1981, noch während der Fischer-Ägide, waren die drei Stern-Chefredakteure informiert worden. Heidemann hatte bis dahin schon einige Tagebuch-Fälschungen von Konrad Kujau erworben. Natürlich fragten die drei Herren nach der Echtheit der erworbenen Dokumente. Schließlich sei Hitler als äußerst schreibscheu beschrieben worden.

“Der Vorstandsvorsitzende Fischer will Zweifel erst gar nicht aufkommen lassen. Er begegnet ihnen mit dem Argument, daß ja alles rasch und gründlich überprüft werde, dafür werde er schon sorgen. Auf eine entsprechende Frage von Koch antwortet der von Natur aus barsche Westfale: »Glauben Sie eigentlich, daß ich bereit bin, Millionen zu bewilligen, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, daß die Bücher echt sind? Wenn der stern sie nicht will, gibt es sicher auch andere Interessenten«.” (→ F. Schmidt in der ZEIT)
– Ende der Diskussion.

Außerdem hatte Reporter Heidemann, der seit Mitte der 1950er Jahre beim Stern war, einen besonderen Status. Henri Nannen, Stern-Gründer und -Übervater, hatte ihn einst mit dem Titel “Bester Spürhund des Sterns” geadelt. Heidemann genoss Narrenfreiheit. Stern-Chefredakteur Koch meinte über seinen Star-Reporter: “90 Prozent von dem, was Heidemann erzählt, muß man vergessen, zehn Prozent stimmen aber” (zitiert nach → F. Schmidt in der ZEIT). Eigentlich keine tolle Glaubwürdigkeitsquote. Trotzdem waren sich alle sicher, dass die Hitler-Tagebücher zum verlässlichen Zehntel von Heidemanns Stories zählten.

Schwere Groupthink-Symptome bei Stern und G+J

Viele Krankheiten lassen sich anhand äußerer Anzeichen erkennen. Auch für einen Ausbruch des Groupthink-Virus gibt es laut Janis typische Symptome. Die betroffenen Teams neigen dazu, sich zu überschätzen und für (nahezu) unverwundbar zu halten. Informationen werden nur noch sehr eingeschränkt wahrgenommen, abweichende Meinungen (vor allem solche von Nichtmitgliedern) von vornherein als Quatsch abgestempelt. In Gemeinschaften mit Groupthink-Denke herrscht ein starker Konformitätsdruck. Oben wurde bereits das K.O.-Argument von Vorstandschef Fischer wiedergegeben (»Glauben Sie eigentlich, …?«). Da blieb wenig Raum für Fragen und abweichende Meinungen.

“Ich bin oft gefragt worden, warum ich denn angesichts der Aktivitäten des Vorstandes geschwiegen habe”, erinnert sich Chefredakteur Schmidt. “Es war nicht Schwäche, sondern das Vertrauen in die Führungskraft und Kompetenz derjenigen, die die Angelegenheit an sich gezogen hatten. Mehr als einmal hat Schulte-Hillen, hat Koch meine Aufwallung gegen das miserable Verfahren mit der Bemerkung niedergemacht: Nur der Erfolg zählt.” (→ F. Schmidt in der ZEIT)

Eine weitere Episode passt ins Groupthink-Bild. Am 26.4., dem Tag nach der Pressekonferenz, nahm Peter Koch für den Stern an einer Expertendiskussion im ZDF teil. Die daran teilnehmenden Historiker hatten größte Zweifel an der Echtheit der Fundstücke. Koch putzte die Wissenschaftler regelrecht runter [→1]. Bei seiner Rückkehr ins Hamburger Verlagshaus erntete er von seinen Kollegen Applausstürme. “Das haben Sie glänzend gemacht, wie Sie es den Historikern gegeben haben!”, wurde ihm bestätigt. In Groupthink-Gemeinschaften pflegt man eine klischeebehaftete, abwertende Sicht auf Mitglieder anderer Gruppen. In einem Leitartikel verunglimpfte Koch die zweifenden Historiker als “Archiv-Ayatollahs”.

Recherche à la Stern: Wünschen statt Prüfen

Entscheidungsprozesse in Groupthink-Atmosphäre sind in mehrerer Hinsicht “deformiert”. Alternativen zum früh präferierten Weg werden ausgeblendet. Informationen, die nicht ins Bild der Gruppe passen, ignoriert. Und Risiken? Gibt’s nicht! Was in dieser Hinsicht beim Stern ablief, ist noch heute kaum zu glauben. Heidemann pochte auf den Schutz seiner Quelle und nannte in Hamburg niemandem den Namen des Stuttgarter Militaria-Händlers (= Konrad Kujau), von dem er nach und nach 62 Tagebücher besorgte. 62 Tagebücher, handgeschrieben von einem tintenscheuen Diktator? Wird schon stimmen! Hitler schrieb wenig. Wenn überhaupt, dann mit Bleistift. Tagsüber hatte er erwiesenermaßen keine Zeit, Tagebücher zu verfassen. Das hat er dann wohl nachts erledigt, redete man sich bei Stern und G+J ein.

Ein gründliches Materialgutachten für das Papier der Tagebücher gab der Stern viel zu spät in Auftrag. Es hätte schnell gezeigt, dass Aufheller enthalten waren, die erst nach dem 2. Weltkrieg bei der Papierherstellung verwendet wurden. Auf die Idee einer möglichen Tintenprobe wollte auch niemand kommen. Und für Handschriftenvergleiche nutzte man ein angebliches Hitler-Schreiben an Mussolini. Dumm nur, dass dieses Referenzdokument auch von Kujau stammte.

Meine Lieblingsgroteske unter vielen – die Auswahl fällt extrem schwer –  ist die Sache mit dem “F”. Fälscher Kujau klebte auf die schwarzen Kladden goldfarbene Metallbuchstaben in Frakturschrift. Allerdings nicht die zu erwartende Kombi “A” und “H”, sondern “F” und “H”. Führers Hund? Führers Hand? Führerhauptquartier! Auch bei dieser Ungereimtheit handelte man beim Stern ganz nach dem Motto “Was nicht passt, wird passend gemacht”.

Das alles war eine phantastische Vorlage für eine Filmkomödie. 1992 kam Helmut Dietls “Schtonk!” in die Kinos. Ist es denn wirklich so bizarr, so grotesk gewesen, mussten sich da die Stern-Mitarbeiter erneut fragen lassen. “Noch viel grotesker”, lautete die Antwort der ehemaligen Redakteurin Ingrid Kolb, die sich in der ZDF-Doku erinnert [→2].

Film- und Buchtipp
Schtonk!
Deutschland 1992, Regie: Helmut Dietl, Drehbuch: Helmut Dietl, Ulrich Limmer, Darsteller: Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Harald Juhnke u. v. a.

Robert Harris:
Selling Hitler
London 1986

Vom Groupthink-Bazillus befallene Teams halten sich für mehr oder weniger unverwundbar und versteifen sich meist auf nur eine, oft extreme Handlungsalternative. Auch im Fall der “F.H.”-Tagebücher setzten die Stern-Macher und das G+J-Management alles auf eine Karte. Um die Wirkung des vermeintlichen Sensationsfundes noch zu steigern, nahm Chefredakteur Koch den Mund sehr voll. In besagter Pressekonferenz meinte er, nun müssten “große Teile der deutschen Geschichte umgeschrieben werden”. Seinem Redaktionskollegen Schmidt wurde  wenige Tage später zumindest klar, wie großschnauzig das wirkte.

“29. April: … Theo Sommer, … Chefredakteur der ZEIT …, ausgebildeter Historiker, meldet erhebliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente und Bedenken gegen die ihm unreflektiert erscheinende Präsentation an. Er fragt, was man sich jetzt wirklich fragen muß: »Warum wurde die ganze Geschichte denn so großsprecherisch verkauft? Warum hat die Redaktion nicht vorsichtiger formuliert, die Möglichkeit einer Fälschung nicht ganz und gar ausgeschlossen?« Fragen, die wir uns wirklich selbst und früher hätten stellen müssen. Mit einer Titelaufschrift, die eine Fälschung nicht ganz ausschließt, hätten wir den großen Skandal vermeiden können.
An diesem Abend wird mir klar: Wir hätten nur eine große Geschichte über den Fund und über die wichtigsten Fakten aus den »Tagebüchern« drucken dürfen und dann den Historikern die »Tagebücher« zur Überprüfung übergeben müssen.”
(→ F. Schmidt in der ZEIT)

Am 6. Mai 1983 war der Spuk zu Ende. Bundesarchiv und Bundeskriminalamt erklärten, dass es sich bei den angeblichen Hitler-Aufzeichnungen zweifelsfrei um Fälschungen handelte. Auf Youtube findet man einen Clip mit den heute-Nachrichten zum Sendeschluss dieses Tages. Schön retro, der Blick auf’s damalige Nachrichtenstudio.

In der Literatur gibt es zahlreiche Hinweise zur Vermeidung von Groupthink-Fiaskos. Die Tipps reichen von A wie “Advocatus Diaboli” bis Z wie “Zweifel äußern erwünscht”. Im Kern geht es darum, Ziele und Handlungsmöglichkeiten ausreichend kritisch zu hinterfragen, bevor man gravierende Entscheidungen trifft. Beim Versuch, kollektiven Irrtümern vorzubeugen, sollte die Stimmung in einer Projektgruppe aber auch nicht ins Destruktive umschlagen. Bei einer überkritischen Vorgehensweise gibt es außerdem die Tendenz, schon im Voraus völlig wasserdichte Lösungen schaffen zu wollen. Auch nicht gut, weil unrealistisch.

Gibt’s aktuelle Beispiele von Groupthink-Verhalten “hermetischer” Gruppen? Ja, würde der Soziologe Harald Welzer antworten, der oben schon zu Wort kam. Sogar bei Entscheidungsprozessen auf allerhöchster politischer Ebene.

Ein Beteiligter [am Tagebuch-Desaster] hat damals gesagt: »Wir haben nicht falsifiziert, nur verifiziert.«
Welzer: “Das entscheidende Merkmal von Gruppendenken. Man sucht nur noch Bestätigung für das, was man tut. Bei der Euro-Rettung geht es übrigens nicht anders zu.”

Ach, Du dickes Ei! Na hoffentlich können wir in ein, zwei Jahrzehnten wenigstens über eine lustige Verfilmung lachen. Wie heute bei “Schtonk!”, den gefälschten Tagebüchern und allen Beteiligten sei Dank.

Anmerkungen:
[1] In der ZDF-Doku “Die Jahrhundertfälschung” ist ein Ausschnitt dieser  Fernsehdiskussion zu sehen. Peter Koch – arrogant bis in die Haarspitzen. → zum Video in der ZDF-Mediathek. Dort auf Minute 36:20 gehen. [↑]
[2] Ingrid Kolbs Aussage ist auch in der ZDF-Doku “Die Jahrhundertfälschung” dokumentiert. → zum Video in der ZDF-Mediathek. Dort auf Minute 23:30 gehen. [↑]

Literatur zum Groupthink-Phänomen:
Janis, I. L.: Groupthink. Psychological Studies of Policy Decisions and Fiascoes, Boston 1982, überarbeitete und erweiterte Fassung von “Victims of Groupthink”, Boston 1972
Forsyth, D. R.: Group Dynamics, 5. Auflage, Belmont 2010, S. 337 ff.
Schreyögg, G.; Koch, J.: Grundlagen des Managements. Basiswissen für Studium und Praxis, Wiesbaden 2007, S. 232 ff.

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Mystery im Autohaus

Steffen Wettengl | 12.04.2013 | BWL, Marketing 1 Kommentar
Das unsichtbare Werkstattgespenst hat ein Auge auf die Servicequalität
(Foto: ADAC, im Original gespensterfrei)

Vor ein paar Wochen leuchtete auf dem Display neben meinem Tachometer der Hinweis auf, ich solle demnächst den “Service C” durchführen lassen. Als braver Kunde habe ich gleich einen Termin der Werkstatt vereinbart. Der war gestern. Eigentlich keine Nachricht, die einen Blog-Eintrag erforderlich macht. Dieses Mal war ich allerdings an einer sogenannten Mystery Repair bzw. einem Mystery Check beteiligt. Klingt stark nach “Akte X”, bedeutet aber schlicht: Mit dem Auto wurde die Werkstatt getestet.

Als Silent, Mystery oder auch Ghost Shopper werden allgemein Personen bezeichnet, die verdeckt als (mögliche) Kunden auftreten und eine Kaufsituation simulieren. Durch den Einsatz unerkannter Tester soll die Qualität von Dienstleistungen ermittelt werden. Ein klassisches Beispiel sind Restauranttester. In diesem Fall wird eine ganze Branche getestet, und die Ergebnisse sind anschließend allgemein zugänglich, z. B. im Restaurantführer Guide Michelin.

Verbreitet ist Mystery Shopping auch als Instrument der Selbstkontrolle. Bei mir funktionierte das so: Ein Mitarbeiter des Autohauses rief an und fragte, ob ich bereit wäre, bei der verdeckten Ermittlung mitzumachen und das Auto dafür präparieren zu lassen. Beim ADAC-Werkstatt-Test 2011 wurden beispielsweise fünf Mängel vorbereitet. Das Scheibenwischerblatt auf der Beifahrerseite und ein Scheinwerfer verstellt. Oder die Halterung vom Auspufftopf gelockert. Wenn das Fahrzeug mit diesen Defekten nicht mehr sehr weit fahren muss, sollten solche Manipulationen keine Probleme verursachen. Als finanziellen Anreiz gibt es übrigens einen Rabatt für den Kundendienst.

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Vorbereitet wird das zu testende “Mystery Car” am Tag vor dem Termin in der Werkstatt. Dieses Tuning der etwas anderen Art übernehmen spezialisierte Dienstleister, z. B. TÜV oder DEKRA. Bei mir stand vorgestern ein freundlicher junger Mann vor der Tür, der sich als diplomierter Fahrzeugtechniker der Hochschule Ulm entpuppte. Gut zu wissen, dass kein Amateur die kleinen Manipulationen vornimmt. Dieser Agent K (Klarnamen werden in diesem Posting nicht genannt; K wie Kfz-Technik übrigens) ist sozusagen ein unsichtbarer Werkstattgeist. Er schaut dem Werkstatt-Personal im Nachhinein über die Schulter und prüft, welche Fehler von ihnen erkannt und beseitigt wurden. Außerdem wollte der Sachverständige bei unserem Wiedersehen heute ein paar Informationen über das Verhalten der nichtsahnenden Mitarbeiter(innen), mit denen ich am Empfang und in der Werkstatt zu tun hatte. Wurde beispielsweise abgeklärt, wie ich an meinen Arbeitsplatz komme. Ja, das wurde gemacht.

Das geheime Testen kommt bei Dienstleistungen zu Einsatz. Diese weisen gegenüber Sachgütern mehrere Besonderheiten auf:

  • Dienstleistungen sind immateriell. Der potenzielle Käufer kann sie weder anfassen noch fühlen, hören oder probieren, bevor sie erbracht werden. Häufig unterliegen Dienstleistungen auch stärkeren Qualitätsschwankungen als Sachgüter. Das liegt daran, dass beim Zustandekommen von Dienstleistungen das Personal meist eine wichtigere Rolle spielt als die eingesetzten Betriebsmittel. Der Kunde trägt somit ein größeres Risiko als beim Erstkauf von Sachgütern aus einer hochautomatisierten Produktion.
  • Viele Arten von Dienstleistungen werden gleichzeitig produziert und konsumiert. Sie sind nicht lager- und nicht transportfähig. Deshalb kann man sie nicht auf Vorrat produzieren, wie es Hersteller von Sachgütern machen, um spätere Nachfrageschwankungen auszugleichen.
  • Der Empfänger einer Dienstleistung muss sich an der Leistungserbringung beteiligen. Sich selbst beispielsweise vom Zahnarzt behandeln oder sein Auto in der Werkstatt reparieren lassen. Bei einer Beratungsdienstleistung durch einen Sanierungsexperten muss der Auftraggeber zunächst Informationen über die Abläufe und Strukturen in seinem Betrieb beisteuern. Man spricht von der notwendigen Integration eines externen Faktors. An diese Stelle passt der Hinweis, dass Dienstleistungen typischerweise stärker auf individuelle Kundenbedürfnisse und -besonderheiten ausgerichtet werden können (bzw. müssen) als Sachgüter.

Bei Dienstleistungen wirken die Anbieter auf der einen und die Kunden auf der anderen Seite also relativ eng zusammen. Um die Testsituation nicht zu verfälschen, dürfen die Mitarbeiter der unter die Lupe genommenen Betriebe nichts von der wahren Rolle der Testkunden wissen. Wüsste ich, dass ein “Mystery Student” eine meiner Vorlesungen genauer unter die Lupe nimmt,[→1] würde ich mich vermutlich noch ein bisschen mehr anstrengen als sonst. Oder umgekehrt: Bei einer Lehrprobe zeigt der (die) Referendar(in) im Rahmen einer Unterrichtsstunde sein (ihr) Können. Der Termin ist lange im Voraus bekannt. In der letzten Reihe sitzen die Mitglieder der Prüfungskommission. Als repräsentativ für die übrigen Stunden ohne Prüfer kann man das Geschehen während Lehrprobe nur eingeschränkt betrachten, oder?

Die verdeckten Tests sollen ein hohes Qualitätsniveau in kundennahen Bereichen sicherstellen. Werden Schwachstellen erkannt, lassen sich gezielte Trainingsmaßnahmen einleiten. Am Besten geschieht das, bevor man in einer Läster-Kolumne wie → “Warteschleife” Horrorstories über das eigene Unternehmen lesen muss. Anhaltspunkte für akuten Verbesserungsbedarf liefern den Unternehmen auch Auswertungen von Reklamationen und Beschwerden. Im Zeitalter des WWW kommen Online-Bewertungen als Informationsquelle hinzu. “Die Qualität von Produkten und Dienstleistungen zu bewerten ist ein Volkssport geworden”, schrieb Thomas Ramge vor zweieinhalb Jahren in einem Artikel des Magazins brand eins.

Die Sternchen, Punktzahlen und Daumensymbole auf Bewertungsportalen sind aber mit Vorsicht zu genießen. Online-Zensuren lassen sich relativ leicht manipulieren – zum Positiven, wenn’s um das eigene Unternehmen geht, zum Negativen bei der Konkurrenz. 20 bis 30 Prozent der Bewertungen im Netz seien wohl gefälscht, heißt es in einem weiteren Artikel in brand eins.

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Zudem gibt es bei komplexen Produkten und Dienstleistungen Qualitätskriterien, die Otto Normalverbraucher nur schwer oder gar nicht objektiv beurteilen kann. Damit sind wir wieder beim Mystery Check meines Autohauses. Die Mechaniker und Mechatroniker mit dem Stern auf dem Blaumann puzzeln dort an Motor, Fahrwerk und Bordnetz herum. Ob sie dabei → “Das Beste oder nichts” zu Wege bringen, kann ich nur ahnen. Agent K, mein Mystery-Partner mit dem Fahrzeugtechnik-Diplom, hat den besseren Durchblick.

Ich bekam übrigens gestern Nachmittag einen Anruf vom Kfz-Meister aus der Werkstatt. Man habe die Spritzwasserdüse vorm Beifahrerplatz wieder richtig eingestellt. Auch noch dies und das gerichtet. Vielleicht hat mein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ja im Lauf des Tages geahnt, dass der Wagen ein manipuliertes Testfahrzeug sein könnte. Soll mir recht sein. Die Kfz-Experten haben jedenfalls gründlich gearbeitet, wie mir schien. Freundlich waren sie auch.

Dass in der Nacht noch ein Trupp Heinzelmännchen im Buchhaltungssystem meine Rechnung löscht, wäre wohl ein bisschen zu viel Mystery.

Anmerkungen:
[1] Sogenannte Silent Students habe ich schon ein paar.[↑]

Quellen:
Homburg, C.: Marketingmanagement. Strategie – Instrumente – Umsetzung – Unternehmensführung, 4. Aufl., Wiesbaden 2012, S. 272 (Mystery Shopping), S. 949 f. (Charakteristika von Dienstleistungen)
Kotler, P. et al.: Grundlagen des Marketing, 5. Aufl., München 2011. S. 694 (Charakteristika von Dienstleistungen)
Scharf, A.; Schubert, B.; Hehn, P.: Marketing. Einführung in Theorie und Praxis, 5. Aufl., Stuttgart 2012. S. 23 f. (Charakteristika von Dienstleistungen)

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Das Mega-Projekt Stuttgart 21 kostet viel Geld. Ein Teil davon ist schon “versunken” (Visualisierung S21: Bahnprojekt Stuttgart-Ulm e.V.)

Beim Megaprojekt Stuttgart 21 (S21) laufen die Kosten ein wenig aus dem Ruder. Deshalb musste Anfang März der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn darüber entscheiden, ob der Bau überhaupt fortgesetzt wird. Am Ende der Beratungen war man aber fast einstimmig der Meinung, der “Point of no return” sei bereits überschritten. Die Devise lautet also: Weiterbauen.

Mit den momentan diskutierten Milliardenbeträgen (6,8 Mrd. Euro Projektkosten statt der 2010 geschätzten 4,5) werden wir uns an dieser Stelle nicht im Detail beschäftigen. Sie werden sich ohnehin noch häufig ändern, bevor frühestens 2022 die ersten Fernzüge unterirdisch in Stuttgart einfahren. In puncto BWL finde ich diese beiden Feststellungen interessant:

“Die Fortführung hat einen größeren Nutzen als der Ausstieg”, sagte Bahn-Technikvorstand Kefer. “Aber so ein Projekt würden wir aus heutiger Sicht nicht nochmals beginnen”, räumte Vorstandchef Grube bei derselben Pressekonferenz ein.

Wenn man von den Beschlüssen absieht, mit denen ab 1994 verschiedene Planungsrunden eröffnet wurden, fiel die maßgebliche Entscheidung für S21 am 9. Dezember 2009. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG gab grünes Licht und zwei Monate später, am 2. Februar 2010, begannen die Bauarbeiten. “Heute ist ein guter Tag für die Bahn, die Stadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und Deutschland”, meinte Bahn-Chef Grube damals. Und Ministerpräsident Günther Oettinger prognostizierte einen “dauerhaften Wertschöpfungszuwachs von rund 500 Mio. Euro im Jahr” und 10.000 neue Arbeitsplätze.

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Während der anschließenden drei Jahre wurden einige Bau- und Abbrucharbeiten durchgeführt: Den Nord- und den Südflügel des alten Bahnhofs traf schon die Abrissbirne. Die Bäume im Mittleren Schlossgarten wurden versetzt oder gefällt. Im Rahmen des Grundwassermanagements wurden Rohre verlegt und eine erste Wasseraufbereitungsanlage installiert. Mit der Auftragsvergabe für den neuen Bahnhof und mehrere Tunnel wurden außerdem erhebliche Kostenblöcke festgelegt. Rund 700 Millionen Euro für den Fildertunnel und den Tunnel Obertürkheim und weitere 800 Millionen Euro für den Hauptbahnhof, den Tunnel Bad Cannstatt und den Tunnel Feuerbach. Ein beträchtlicher Teil der S21-Kosten ist also schon versunken (»sunk costs«).

Claus Schmiedel, Chef der SPD-Fraktion im Landtag von BW, bezifferte Anfang 2013 die S21-Ausstiegskosten auf drei Milliarden Euro. „Pi mal Daumen“ veranschlagte der eingefleischte S21-Fan je eine Milliarde für bereits getätigte Investitionen, für Schadenersatzforderungen der beauftragten Baufirmen sowie die Rückabwicklung der Grundstücksgeschäfte.[→1]

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Mit dem Ergebnis einer soliden Kalkulation haben Schmiedels 3.000.000.000 Euro soviel zu tun wie der FC Bayern mit dem Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga. Nichtsdestotrotz lässt sich erkennen, dass eine ziemliche Stange Geld unwiederbringlich in das S21-Projekt geflossen ist bzw. für S21-Maßnahmen festgelegt wurde.

Sunk costs are unrecoverable past expenditures. These should not normally be taken into account when determining whether to continue a project or abandon it, because they cannot be recovered either way. It is a common instinct to count them, however”, steht auf about.com im Netz. Das passt.

Bei Entscheidungen wie derjenigen, das S21-Projekt fortzusetzen (oder nicht), geht es um die Wahl zwischen Handlungsalternativen für die Zukunft. Die versunkenen Kosten aus der Vergangenheit sind dabei nicht relevant. Sie sind eh nicht mehr zu beeinflussen. Futsch ist futsch und hin und hin.

In der Praxis fällt der Umgang mit versunkenen Kosten aber manchmal schwer. Anstatt sie beim Hopp-oder-Top-Entscheid über’s weitere Vorgehen auszublenden, vernebeln die bereits investierten Mühen den Blick auf’s Wesentliche. Man spricht von der Sunk-Cost-Fallacy (fallacy = Trugschluss). Wer am Morgen 40 Euro für die Tageskarte bezahlt hat, fährt am Nachmittag auch bei ungemütlichsten Witterungsbedingungen weiter Ski. Weil ich schon 200 Seiten gelesen habe, quäle ich mich auch noch die übrigen 300 durch das neue, aber leider todlangweilige Buch. Eigentlich ist das Quatsch. Vor der Volksabstimmung Ende 2011 warfen die S21-Befürworter die Frage “1,5 Milliarden für nichts?” in den Ring. Die stattliche Zahl macht zwar irgendwie Eindruck, liefert aber kein rationales Argument.

In seiner FAZ-Kolumne “Klarer denken” schrieb der Schweizer Rolf Dobelli vor einer Weile über Denkfehler, die häufig mit bereits aufgelaufenen Kosten einhergehen.

“Zu jedem Zeitpunkt könnte man den eingeschlagenen Pfad verlassen, zum Beispiel ein Projekt abbrechen und mit den Konsequenzen leben. [...] Die Sunk Cost Fallacy schnappt dann zu, wenn wir schon besonders viel Zeit, Geld, Energie, Liebe und so weiter investiert haben. Das investierte Geld wird dann zur Begründung, weiterzumachen, selbst wenn es objektiv betrachtet keinen Sinn mehr hat. Je mehr investiert wurde, also je größer die Sunk Costs sind, desto stärker ist der Drang, das Projekt fortzuführen. [...]

Warum dieses irrationale Verhalten? Menschen streben danach, konsistent zu erscheinen. Mit Konsistenz signalisieren wir Glaubwürdigkeit. Widersprüche sind uns ein Greuel. Entscheiden wir, ein Projekt in der Mitte abzubrechen, generieren wir einen Widerspruch: Wir geben zu, früher anders gedacht zu haben als heute. Ein sinnloses Projekt weiterzuführen zögert diese schmerzliche Realisierung hinaus. Wir erscheinen dann länger konsistent.”

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Bahnchef Grube agiert vor dem Hintergrund recht gewandt. Er räumt ein, dass er das Projekt S21 mit dem Wissen von heute nicht noch einmal starten würde. Irren ist schließlich menschlich. Ob der oberste Bahn-Manager mit der Weiterbau-Entscheidung jetzt richtig liegt, ist allerdings eine andere  Frage. Als Außenstehender hoffe ich einfach, dass er keinem Sunk Cost-Trugschluss aufsitzt (und dass Ex-MP Oettinger mit seiner optimistischen Prognose künftiger Wertschöpfungszuwächse Recht behält).

Versunkene-Kosten-Denkfehler führen dazu, dass Unternehmen zu lange an Investitionen festhalten. Gerade hat Bosch angekündigt, aus dem Photovoltaik-Geschäft auszusteigen. In den fünf Jahren seit dem Einstieg bei Ersol Solar Energy sind 2,4 Milliarden Euro Verluste aufgelaufen. Den Bosch-Lenkern fiel der Schlussstrich dennoch schwer. Dennoch? Vielleicht müsste es treffender heißen gerade deshalb.

Franz Fehrenbach war Vorsitzender der Geschäftsführung, als Bosch das Photovoltaik-Abenteuer begann, und ist heute Vorsitzender des Bosch-Aufsichtsrates. Vor wenigen Tagen sagte er im Interview:
“Die Entscheidung fiel uns schwer: Einmal aufgrund des großen Verlustes, den wir zu verzeichnen haben. [...].”

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Das klingt nach einem Sunk Cost-Irrtum, der gerade noch vereitelt werden konnte. Für den Kauf von Ersol und ein paar weiteren Solarfirmen hatte Bosch ab 2008 rund 1,6 Milliarden Euro investiert. Die letzten daraus verbliebenen Firmenwerte wurden in der Bosch-Bilanz im Januar 2013 auf Null gesetzt. Sonderabschreibungen auf historische Anschaffungswerte sind aber bei zukunftsgerichteten Entscheidungen nicht relevant. Wer am 6. März 2000 Aktien der Deutschen Telekom gekauft hat und sie heute noch besitzt, hat über 90 Prozent Wertverlust erlitten (von 104 ging’s runter auf 8,50 Euro). Behalten sollte man die Wertpapiere aber nur dann, wenn man mit einem ordentlichen Kursanstieg rechnet.

Die Bahn prüfte die Fortsetzung des S21-Projektes, die Boschler stellten ihr Photovoltaik-Geschäft in Frage. Sunk Costs sollten bei derartigen Entscheidungen keine Rolle spielen. Auf der Suche nach weiteren lesenswerten Beispielen bin ich auch auf diesen kurzweiligen Forbes-Artikel gestoßen. Darin geht’s um Footballspieler und Kernkraftwerke.

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Versunkene Kosten hin oder her. Persönlich freue ich mich schon auf die schnellen Fahrten von Ulm nach Stuttgart, wenn die Neubaustrecke zwischen den Städten und S21 fertiggestellt sind.


Anmerkungen:
[1] Die Bahn müsste einen Teil der Grundstücke des Gleisvorfeldes wieder von der Stadt Stuttgart zurückkaufen. Der Rückkaufpreis wäre sicher höher als der Verkaufspreis (424 Millionen Euro) im Jahr 2001.[↑]

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Made in Germany: Links eine Solarfolie von Heliatek – Rechts eine Kaplan-Turbine von Voith (Fotos: Heliatek, Voith)

Am Dienstag, den 11. Juni 2013 kommen Dr. Roland Münch, Mitglied der Voith-Konzerngeschäftsführung, und Dr. Martin Pfeiffer, Chief Technology Officer der Heliatek GmbH, an die Hochschule Ulm. Sie halten jeweils einen Kurzvortrag, und anschließend gibt es Gelegenheit zur Diskussion zum Thema:

Unternehmerischer Erfolg mit Technologien
für die Energiewende Geht das?

Beginn: 17.45 Uhr, Ort: Aula der Hochschule Ulm, Prittwitzstraße 10.

Die Veranstaltung ist öffentlich. Die Teilnahme ist kostenfrei. Nicht nur Studierende und Mitarbeiter der Hochschule Ulm sind also herzlich eingeladen.

Hilfreiche Informationen (z. B. zu den Parkmöglichkeiten) finden Sie in einem 4-seitigen pdf-Dokument (erster Link). Außerdem können Sie das querformatige Plakat gerne nutzen, um Kollegen und Bekannte auf den Vortrag aufmerksam zu machen (zweiter Link).

Dr. rer. nat. Martin Pfeiffer studierte von 1988 bis 1995 Physik an der Universität Tübingen und der Technischen Universität Dresden. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre folgte die Promotion am Institut für Angewandte Photophysik der TU Dresden. Von 2000 bis 2005 leitete Dr. Pfeiffer dort die Gruppe „Organische Optoelektronik“ zur Erforschung grundlegender Halbleitereigenschaften dotierter organischer Schichten. Im Juni 2006 war er einer der sechs Gründer der Heliatek GmbH. Als deren Technischer Geschäftsführer (Chief Technology Officer, CTO) ist er unter anderem für die F+E-Arbeiten an den Standorten Dresden (Physik und Bauelemententwicklung) und Ulm (Chemieentwicklung) verantwortlich. Zusammen mit Prof. Dr. Karl Leo und Dr. Jan Blochwitz-Nimoth gewann Dr. Pfeiffer 2011 den mit 250.000 Euro dotierten Deutschen Zukunftspreis.

Dr. Martin Pfeiffer war 2006 einer der Gründer der Heliatek GmbH. Als deren Chief Technology Officer leitet er die F+E-Aktivitäten. 2011 gewannen er, Karl Leo und Jan Blochwitz-Nimoth den Deutschen Zukunftspreis.


(Foto: Deutscher Zukunftspreis)

Die Heliatek GmbH wurde 2006 als gemeinsame Ausgründung der TU Dresden und der Universität Ulm gegründet. Zu den Industriepartnern und Investoren zählen Bosch und BASF. Heliatek zählt zu den Technologieführern im Bereich der organischen Photovoltaik (OPV). Aktuell vollzieht das Unternehmen den Wandel von der reinen Technologieentwicklung hin zur industriellen Produktion. Mitte 2012 wurde am Heliatek-Standort Dresden die erste Anlage für die Produktion flexibler OPV-Folien in Betrieb genommen.

Die Solarfolien können in Anwendungsfeldern eingesetzt werden, die mit traditioneller Photovoltaik bisher nicht möglich waren. Aufgrund ihres niedrigen Gewichts und der möglichen Transparenz können die Folien z. B. in Baumaterialien, Autodächer oder Stadtmöblierung integriert werden. Im Januar 2013 meldete Heliatek einen neuen Weltrekord für organische Solarzellen: 12 Prozent Zelleffizienz. Mehr über Heliatek erfährt man auf den Internetseiten des jungen Unternehmens. Auch die Seiten zum Deutschen Zukunftspreis 2011 sind sehr ergiebig.

Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der Universität Fridericiana in Karlsruhe war Dr. Roland Münch als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Elektrotechnik und Hochspannungstechnik der RWTH Aachen tätig. Hier promovierte er 1990. Ab 1991 war Dr. Münch Entwicklungsingenieur im ABB-Konzern. 1998 wurde er Vorstandssprecher der ABB Calor Emag Schaltanlagen AG, Mannheim, 1999 CEO und Country Manager von ABB Malaysia. 2002 wechselte Dr. Münch zum Voith-Konzern in Heidenheim. Im Oktober 2002 übernahm er die Leitung des Geschäftsbereichs Voith Paper Automation. Seit 2006 ist er Mitglied der Konzerngeschäftsführung und führt seit 2008 den Konzernbereich Voith Hydro.

Dr. Roland Münch ist seit 2006 Mitglied der Voith-Konzerngeschäftsführung. Seit 2008 führt er den Konzernbereich Voith Hydro.


(Foto: International Hydropower Association/Voith GmbH)

Die ca. 42.300 Mitarbeiter des Voith-Konzerns (Sitz in Heidenheim an der Brenz) erwirtschafteten 2011/12 5,7 Mrd. Euro Umsatz. Damit zählt das schwäbische Familienunternehmen zu den großen Firmen im deutschen Maschinen- und Anlagenbau. Wer auf der Voith-Homepage startet, findet dort reichlich Informationen über den Konzern, seine Geschäftbereiche, Produkte und Märkte.

Voith Hydro ist einer der führenden Anbieter von Anlagen und Dienstleistungen im Bereich der Wasserkraft. Große und kleine Wasserkraftwerke sowie Pumpspeicherkraftwerke bilden den Kern des Angebotsspektrums. Daneben entwickelt Voith Hydro im Bereich der Meeresenergien innovative Technologien zur Nutzung von Gezeitenströmungen und Wellen zur Stromerzeugung. Im letzten Geschäftsjahr (2011/12) stiegen die Umsatzerlöse von Voith Hydro auf 1,3 Mrd. Euro. Der Geschäftsbereich hat rund 5.000 Mitarbeiter.

Wer schon im Voraus etwas tiefer einsteigen möchte, kann hier nachlesen, welche zentrale Bedeutung die Wasserkraft im globalen Energiemix der Zukunft hat. Im Voith-Magazin “HyPower” 1/2012 gibt’s ein zweiseitiges Interview mit Dr. Münch unter der Überschrift “Developing Future Prospects”:

Anmerkung zu den Textquellen: Die Informationen über Dr. Pfeiffer, Dr. Münch, Heliatek und Voith sind größtenteils den Internetseiten der beiden Unternehmen sowie denjenigen zum Dt. Zukunftspreis entnommen.

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