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Archiv für November 2010
Leidensgenossen: Michael Offer und Louis van Gaal

Die beiden Herren auf dem Bild sind Leidensgenossen. Sowohl Michael Offer (links) als auch Louis van Gaal (rechts) wurden vor kurzem von Ihrem jeweiligen Vorgesetzten öffentlich kritisiert. Offer erwischte es am 4.11. vor der inzwischen legendären Pressekonferenz mit seinem Chef, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (“Reden Sie nicht, Herr Offer!”, hier auf Youtube anzusehen). FC Bayern-Trainer van Gaal war nicht persönlich dabei, als vier Tage zuvor sein Boss, Bayern-Präsident Uli Hoeneß, in einer Talkshow des Pay TV-Senders Sky kräftig Dampf abließ und die Kompetenz des Holländers schwer in Zweifel zog. “Da sind vier, fünf Spieler bei uns falsch eingeschätzt worden. … ” und “Er sollte mehr Rücksicht nehmen, …” sind zwei der Aussagen von Hoeneß an van Gaals Adresse (hier ausführlicher nachzulesen). Aus beiden Fällen lässt sich viel darüber lernen, welche Fehler man als Führungskraft vermeiden sollte, wenn es um das knifflige Thema Kritisieren geht.

Allgemein verstanden, kann Kritik ebenso negativ wie positiv sein (Tadel bzw. Lob). Und auch die negative Kritik, um die es hier geht, kann konstruktiv wirken. In seinem Lehrbuch “Erfolgreiche Mitarbeiterführung durch soziale Kompetenz” (Wiesbaden 2011*, auf Google Books kann man darin schon stöbern, und ein gebundenes Exemplar gibt’s bald in der Bibliothek der Hochschule Ulm) schreibt der Hamburger Professor Asmus Hintz:

Kritik soll bewirken, dass (a) künftiges Fehlverhalten vermieden wird, (b) Mitarbeiter befähigt werden, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und sich zu verändern, (c) Mitarbeiter ermutigt werden, eigene Lösungsansätze zur Korrektur ihres Verhaltens zu entwickeln.” (S. 107, Hervorhebung nicht im Original)

Hintz gibt auch wertvolle Hinweise, welche Fehler Vorgesetzte häufig machen, wenn sie ihre Mitarbeiter rüffeln (siehe S. 106). Eine kleine Auswahl:

persönlich werden
laut werden
öffentlich kritisieren
unverhältnismäßiges Kritisieren
zu spät kritisieren
eigenes Fehlverhalten ausblenden
ironisierende Kritik
dem Mitarbeiter keine Gelegenheit zur Stellungnahme geben

Schäuble und Hoeneß haben einige dieser Fehler gemacht. Der Bundesfinanzminister von CDU erntete für sein Verhalten überwiegend empörte Kommentare (“Mobbing”!). Interessanterweise kam Uli Hoeneß bei der breiten Öffentlichkeit viel glimpflicher davon. Seine Kritik an van Gaal fanden über 60 % derjenigen gut, die an einer Umfrage auf FAZ.NET mitgemacht haben (dessen Ergebnis kann man hier online nachlesen). Dabei gab es für mich zwischen den Fällen zwei gravierende Unterschiede zugunsten von Schäuble, zulasten von Hoeneß.

1. Hoeneß bestätigte später, dass er sich die öffentliche Schelte über drei Wochen im voraus überlegt hatte. Er nutzte das TV ganz bewusst, um seine Kritik mit großer Wirkung zu platzieren. Man kann Schäuble kaum vorwerfen, dass er sich seine zu harschen Worte schon lange im voraus für den 4.11. zurechtgelegt hat. Seine Nörgelkommentare entstanden aus der konkreten Situation heraus. Anders als bei Hoeneß gab’s bei Schäuble sozusagen keinen Vorsatz für’s In-die-Pfanne-Hauen.

2. Bevor Hoeneß scharf gegen van Gaal schoss, hatte der FC Bayern gerade 3x gewonnen und 1x auswärts unentschieden gespielt, außerdem in der letzten Saison tolle Erfolge erzielt (war auch seit langer Zeit mal wieder ins Champions League-Finale gekommen). Schäuble aber ärgerte sich darüber, dass Offer und dessen Team es nicht geschafft hatten, ein Handout rechtzeitig zu verteilen. Kurzgefasst: Schäuble stänkerte nach einer schlechten Leistung des Mitarbeiters, Hoeneß nach einer guten.

Damit genug über die Führungsetage des FC Bayern, aber noch ein paar abschließende Sätze zu Wolfgang Schäuble und Michael Offer. Ich kenne das Innenleben des Finanzministeriums nicht und kann Artikel wie “Angst geht um im Finanzministerium” nicht beurteilen. Ein Betriebsklima voller Angst und ein übertrieben misstrauischer Chef, der kompetente Mitarbeiter nicht einbezieht, sind Gift für jedes Unternehmen. Im Finanzministerium wäre das nicht anders. Mit dem mir möglichen (eingeschränkten) Blick auf den medienöffentlichen Teil der “Reden Sie nicht, Offer”-Pressekonferenz habe ich  Verständnis für den Minister. Auch weil Offer einfach so tat, als sei nichts, als offenkundig wurde, dass noch keine Unterlagen verteilt worden waren. Es gab dort keinen Beamer. So machte es einfach keinen Sinn, mit einer Pressekonferenz zu beginnen. Dass Schäuble in so einer Situation den verantwortlichen Zuarbeiter nicht mit Lob überhäuft, ist sonnenklar. Ich schließe mich Klaus Kocks an, dem ehemaligen Volkswagen-Kommunikationsvorstand, der zu Schäuble versus Offer gegenüber dem Stern meinte: “Es gibt keine Schmusepflicht. Das muss man aushalten können.”

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Vielleicht auch mit Blick auf die überzogenen Reaktionen in TV, Printmedien und Internet fühlte sich Herr Offer wohl im Recht, wenige Tage nach der öffentliche Rüge zurückzutreten. Ich finde, er hätte noch für mindestens eine Pressekonferenz (PK) bleiben und es bei diesem nächsten Mal gründlich besser machen sollen. Dann hätte er mit feinem Lächeln die PK mit den Worten eröffnen können: “Herr Minister, diesmal ist alles schon ordnungsgemäß verteilt. Es kann losgehen.” Und Schäuble hätte ihm hoffentlich ein Kompliment für die gewissenhafte Vorbereitung gemacht, auch geschmunzelt und die Sache wäre erledigt gewesen.

Dieses superlange Posting ist noch nicht ganz zu Ende. Noch ein zweiter Blick auf die Theorie guter Mitarbeiterführung: Die Experten warnen vor öffentlich geäußerter Kritik wie bei Schäuble und Hoeneß. Will ein Vorgesetzter Anerkennung aussprechen, sollte er es genau andersrum machen. Am besten vor anderen.

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* Anmerkung: Es ist mir ein großes Rätsel, wieso ein Buch, das man im November 2010 schon bei amazon.de kaufen kann, als Erscheinungsjahr 2011 ausweist. Ob manche Verlage ihren Büchern ein länger wirkendes “Frischesiegel” verpassen wollen? Wer dazu weitere sachdienliche Hinweise geben kann, sollte einen Kommentar schreiben.

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Langhaarige Mindestlohn-Flüchtlinge

Steffen Wettengl | 09.11.2010 | BWL, RaKo 5 Kommentare
Auf dem Weg nach Peking – zum Haareschneiden

Anders als in zahlreichen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keinen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Allerdings Festlegungen für bestimmte Branchen. So wurden im Frühjahr 2010 z. B. gesetzliche Mindestlöhne für Pflegekräfte (8,50 Euro pro Stunde) und Gebäudereiniger beschlossen (8,40 Euro pro Stunde). Ob eine allgemeine Lohnuntergrenze eingeführt werden sollte, ist weiterhin heftig umstritten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat dazu eine klare Meinung: Kein Lohn unter 8,50 Euro pro Stunde, heißt es auf mindestlohn.de. Dort bin ich unter /Material/Plakate auf das Plakatmotiv “Friseurbesuch” gestoßen. Beim “Frisieren” der langhaarigen Mindestlohn-Flüchtlinge wurden die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung keineswegs voll ausgeschöpft. Dennoch finde ich das Plakat gelungen.

Die Botschaft wird mal nicht mit bärbeißiger Gewerkschafterrhetorik vorgetragen, sondern in Form einer humorvollen Persiflage vermittelt. Auch bei einem flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland und dann spürbar höheren Preisen für Friseurdienste würde natürlich niemand einen halbstündigen Friseurbesuch ins Niedriglohnland China verlagern. Die DGB-Argumentation lautet verallgemeinert, dass sich mit einem allgemeinen Mindestlohn ohne unangenehme Nebenwirkungen mehrere wünschenswerte Ziele erreichen lassen: (1.) gerechtere bzw. faire Löhne für harte Arbeiten, aber auch (2.) eine durch höhere Löhne verstärkte private Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen (Wirtschaftswachstum). Außerdem lässt sich (3.) argumentieren, dass Mindestlöhne die Qualifikationsbereitschaft von Mitarbeitern fördern können.

Dennoch ist die Mehrheit der wirtschaftspolitischen Experten gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. In einem Brief an die damalige schwarz-rote Bundesregierung warnten 2008 sieben von ihnen davor, allgemeinverbindlich oder für eine Vielzahl von Wirtschaftzweigen Mindestlöhne einzuführen. Der vollständige Brief mit der Überschrift “Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!” kann auf dieser handelsblatt.com-Seite nachgelesen werden. Die wesentliche Argumentationslinie der sieben Wirtschaftsforscher lautet:

“Ein Viertel der privat Beschäftigten im Osten und etwa ein Zehntel im Westen verdienen weniger als diesen Betrag [2008 wurde über 7,50 Euro pro Stunde diskutiert]. Die notwendige Lohnerhöhung wird in erheblichem Umfang neue Arbeitslosigkeit erzeugen. Betroffen wäre dabei vor allem der Dienstleistungssektor. Auch wenn es den Unternehmen gelingt, die höheren Arbeitskosten großenteils auf die Preise zu überwälzen, hätte dies gravierende Auswirkungen, weil die Nachfrage bei steigenden Preisen sinkt. Häufig sind jedoch die Möglichkeiten begrenzt, erhöhte Arbeitskosten auf die Preise zu überwälzen. Dann werden die Unternehmen mit verstärkter Rationalisierung reagieren, also Arbeitskräfte durch Maschinen austauschen, oder mit der Verlagerung von Produktionsstätten, wenn die heimische Nachfrage nach den entsprechenden Gütern und Leistungen auch aus dem Ausland befriedigt werden kann, wo zu niedrigeren Löhnen produziert wird. Haushalte können zudem verteuerte Dienstleistungen durch Waren oder Schwarzarbeit ersetzen. So oder so – der Mindestlohn führt zu erheblichen Beschäftigungsverlusten.” (Blum et al.: Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!, 2008, Hervorhebungen nicht im Original).

Als konkretes Beispiel für die negativen Wirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns nennen die Mindestlohnskeptiker die hohe Arbeitslosigkeit bei jungen Franzosen. In Frankreich gibt es seit Jahrzehnten den SMIC (salaire minimum interprofessionnel de croissance = allgemeiner Mindestlohn). Anfang 2010 lag er bei 8,86 Euro pro Stunde (ausführlicher erklärt diese Seite der Französischen Botschaft den SMIC). Bei einfachen Tätigkeiten ist dieser Mindestlohn höher als die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft. Für ein Unternehmen lohnt es sich unter diesen Bedingungen nicht, eine derartige Stelle einzurichten und zu besetzen. In Zahlen: Rund 20 Prozent der Franzosen zwischen 15 und 24 Jahren sind arbeitslos.

Noch einmal ein Blick auf das Friseurbeispiel und die DGB-Kampagne. Bei Frisierdienstleistungen muss sich der Kunde persönlich am Produktionsprozess beteiligen. Eine Verlagerung ins weit entfernte China ist deshalb auch bei einem deutlich steigenden Preisniveau in Deutschland nicht zu fürchten. Ob es in grenznahen Gebieten zu einem “Frisiertourismus” wie bei der Jagd nach billigem Sprit kommen könnte? Vielleicht, wenn die Preise für einen Damenhaarschnitt auf über 100 Euro ansteigen. Mit anderen Ausweichmanöver der Kunden wäre eher zu rechnen: weniger Besuche beim Friseur, mehr Do-it-yourself im Familienkreis und mehr Schwarzarbeit. Ob sich aber Friseure verstärkt durch Maschinen wie den Flowbee- oder den Robocut-Haarschneideautomaten ersetzen lassen, darf bezweifelt werden (siehe auch diesen spaßigen Blogeintrag auf riesenmaschine.de).

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