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Tag: Rechnungswesen
Das Mega-Projekt Stuttgart 21 kostet viel Geld. Ein Teil davon ist schon “versunken” (Visualisierung S21: Bahnprojekt Stuttgart-Ulm e.V.)

Beim Megaprojekt Stuttgart 21 (S21) laufen die Kosten ein wenig aus dem Ruder. Deshalb musste Anfang März der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn darüber entscheiden, ob der Bau überhaupt fortgesetzt wird. Am Ende der Beratungen war man aber fast einstimmig der Meinung, der “Point of no return” sei bereits überschritten. Die Devise lautet also: Weiterbauen.

Mit den momentan diskutierten Milliardenbeträgen (6,8 Mrd. Euro Projektkosten statt der 2010 geschätzten 4,5) werden wir uns an dieser Stelle nicht im Detail beschäftigen. Sie werden sich ohnehin noch häufig ändern, bevor frühestens 2022 die ersten Fernzüge unterirdisch in Stuttgart einfahren. In puncto BWL finde ich diese beiden Feststellungen interessant:

“Die Fortführung hat einen größeren Nutzen als der Ausstieg”, sagte Bahn-Technikvorstand Kefer. “Aber so ein Projekt würden wir aus heutiger Sicht nicht nochmals beginnen”, räumte Vorstandchef Grube bei derselben Pressekonferenz ein.

Wenn man von den Beschlüssen absieht, mit denen ab 1994 verschiedene Planungsrunden eröffnet wurden, fiel die maßgebliche Entscheidung für S21 am 9. Dezember 2009. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG gab grünes Licht und zwei Monate später, am 2. Februar 2010, begannen die Bauarbeiten. “Heute ist ein guter Tag für die Bahn, die Stadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und Deutschland”, meinte Bahn-Chef Grube damals. Und Ministerpräsident Günther Oettinger prognostizierte einen “dauerhaften Wertschöpfungszuwachs von rund 500 Mio. Euro im Jahr” und 10.000 neue Arbeitsplätze.

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Während der anschließenden drei Jahre wurden einige Bau- und Abbrucharbeiten durchgeführt: Den Nord- und den Südflügel des alten Bahnhofs traf schon die Abrissbirne. Die Bäume im Mittleren Schlossgarten wurden versetzt oder gefällt. Im Rahmen des Grundwassermanagements wurden Rohre verlegt und eine erste Wasseraufbereitungsanlage installiert. Mit der Auftragsvergabe für den neuen Bahnhof und mehrere Tunnel wurden außerdem erhebliche Kostenblöcke festgelegt. Rund 700 Millionen Euro für den Fildertunnel und den Tunnel Obertürkheim und weitere 800 Millionen Euro für den Hauptbahnhof, den Tunnel Bad Cannstatt und den Tunnel Feuerbach. Ein beträchtlicher Teil der S21-Kosten ist also schon versunken (»sunk costs«).

Claus Schmiedel, Chef der SPD-Fraktion im Landtag von BW, bezifferte Anfang 2013 die S21-Ausstiegskosten auf drei Milliarden Euro. „Pi mal Daumen“ veranschlagte der eingefleischte S21-Fan je eine Milliarde für bereits getätigte Investitionen, für Schadenersatzforderungen der beauftragten Baufirmen sowie die Rückabwicklung der Grundstücksgeschäfte.[→1]

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Mit dem Ergebnis einer soliden Kalkulation haben Schmiedels 3.000.000.000 Euro soviel zu tun wie der FC Bayern mit dem Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga. Nichtsdestotrotz lässt sich erkennen, dass eine ziemliche Stange Geld unwiederbringlich in das S21-Projekt geflossen ist bzw. für S21-Maßnahmen festgelegt wurde.

Sunk costs are unrecoverable past expenditures. These should not normally be taken into account when determining whether to continue a project or abandon it, because they cannot be recovered either way. It is a common instinct to count them, however”, steht auf about.com im Netz. Das passt.

Bei Entscheidungen wie derjenigen, das S21-Projekt fortzusetzen (oder nicht), geht es um die Wahl zwischen Handlungsalternativen für die Zukunft. Die versunkenen Kosten aus der Vergangenheit sind dabei nicht relevant. Sie sind eh nicht mehr zu beeinflussen. Futsch ist futsch und hin und hin.

In der Praxis fällt der Umgang mit versunkenen Kosten aber manchmal schwer. Anstatt sie beim Hopp-oder-Top-Entscheid über’s weitere Vorgehen auszublenden, vernebeln die bereits investierten Mühen den Blick auf’s Wesentliche. Man spricht von der Sunk-Cost-Fallacy (fallacy = Trugschluss). Wer am Morgen 40 Euro für die Tageskarte bezahlt hat, fährt am Nachmittag auch bei ungemütlichsten Witterungsbedingungen weiter Ski. Weil ich schon 200 Seiten gelesen habe, quäle ich mich auch noch die übrigen 300 durch das neue, aber leider todlangweilige Buch. Eigentlich ist das Quatsch. Vor der Volksabstimmung Ende 2011 warfen die S21-Befürworter die Frage “1,5 Milliarden für nichts?” in den Ring. Die stattliche Zahl macht zwar irgendwie Eindruck, liefert aber kein rationales Argument.

In seiner FAZ-Kolumne “Klarer denken” schrieb der Schweizer Rolf Dobelli vor einer Weile über Denkfehler, die häufig mit bereits aufgelaufenen Kosten einhergehen.

“Zu jedem Zeitpunkt könnte man den eingeschlagenen Pfad verlassen, zum Beispiel ein Projekt abbrechen und mit den Konsequenzen leben. [...] Die Sunk Cost Fallacy schnappt dann zu, wenn wir schon besonders viel Zeit, Geld, Energie, Liebe und so weiter investiert haben. Das investierte Geld wird dann zur Begründung, weiterzumachen, selbst wenn es objektiv betrachtet keinen Sinn mehr hat. Je mehr investiert wurde, also je größer die Sunk Costs sind, desto stärker ist der Drang, das Projekt fortzuführen. [...]

Warum dieses irrationale Verhalten? Menschen streben danach, konsistent zu erscheinen. Mit Konsistenz signalisieren wir Glaubwürdigkeit. Widersprüche sind uns ein Greuel. Entscheiden wir, ein Projekt in der Mitte abzubrechen, generieren wir einen Widerspruch: Wir geben zu, früher anders gedacht zu haben als heute. Ein sinnloses Projekt weiterzuführen zögert diese schmerzliche Realisierung hinaus. Wir erscheinen dann länger konsistent.”

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Bahnchef Grube agiert vor dem Hintergrund recht gewandt. Er räumt ein, dass er das Projekt S21 mit dem Wissen von heute nicht noch einmal starten würde. Irren ist schließlich menschlich. Ob der oberste Bahn-Manager mit der Weiterbau-Entscheidung jetzt richtig liegt, ist allerdings eine andere  Frage. Als Außenstehender hoffe ich einfach, dass er keinem Sunk Cost-Trugschluss aufsitzt (und dass Ex-MP Oettinger mit seiner optimistischen Prognose künftiger Wertschöpfungszuwächse Recht behält).

Versunkene-Kosten-Denkfehler führen dazu, dass Unternehmen zu lange an Investitionen festhalten. Gerade hat Bosch angekündigt, aus dem Photovoltaik-Geschäft auszusteigen. In den fünf Jahren seit dem Einstieg bei Ersol Solar Energy sind 2,4 Milliarden Euro Verluste aufgelaufen. Den Bosch-Lenkern fiel der Schlussstrich dennoch schwer. Dennoch? Vielleicht müsste es treffender heißen gerade deshalb.

Franz Fehrenbach war Vorsitzender der Geschäftsführung, als Bosch das Photovoltaik-Abenteuer begann, und ist heute Vorsitzender des Bosch-Aufsichtsrates. Vor wenigen Tagen sagte er im Interview:
“Die Entscheidung fiel uns schwer: Einmal aufgrund des großen Verlustes, den wir zu verzeichnen haben. [...].”

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Das klingt nach einem Sunk Cost-Irrtum, der gerade noch vereitelt werden konnte. Für den Kauf von Ersol und ein paar weiteren Solarfirmen hatte Bosch ab 2008 rund 1,6 Milliarden Euro investiert. Die letzten daraus verbliebenen Firmenwerte wurden in der Bosch-Bilanz im Januar 2013 auf Null gesetzt. Sonderabschreibungen auf historische Anschaffungswerte sind aber bei zukunftsgerichteten Entscheidungen nicht relevant. Wer am 6. März 2000 Aktien der Deutschen Telekom gekauft hat und sie heute noch besitzt, hat über 90 Prozent Wertverlust erlitten (von 104 ging’s runter auf 8,50 Euro). Behalten sollte man die Wertpapiere aber nur dann, wenn man mit einem ordentlichen Kursanstieg rechnet.

Die Bahn prüfte die Fortsetzung des S21-Projektes, die Boschler stellten ihr Photovoltaik-Geschäft in Frage. Sunk Costs sollten bei derartigen Entscheidungen keine Rolle spielen. Auf der Suche nach weiteren lesenswerten Beispielen bin ich auch auf diesen kurzweiligen Forbes-Artikel gestoßen. Darin geht’s um Footballspieler und Kernkraftwerke.

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Versunkene Kosten hin oder her. Persönlich freue ich mich schon auf die schnellen Fahrten von Ulm nach Stuttgart, wenn die Neubaustrecke zwischen den Städten und S21 fertiggestellt sind.


Anmerkungen:
[1] Die Bahn müsste einen Teil der Grundstücke des Gleisvorfeldes wieder von der Stadt Stuttgart zurückkaufen. Der Rückkaufpreis wäre sicher höher als der Verkaufspreis (424 Millionen Euro) im Jahr 2001.[↑]

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Trau’ keinem Diagramm, …

Steffen Wettengl | 25.05.2012 | Allgemein, BWL, RaKo Keine Kommentare
Links: Brian Sullivan, CEO von Sky Deutschland (Foto: Sky)
Rechts: “Getuntes” Säulendiagramm • Zum Vergrößern anklicken

Das Schicksal von Sky Deutschland liegt mir am Herzen. Nein nein, ich bin weder Sky-Aktionär noch -Abonnent. Aber der Pay-TV-Sender liefert ein schönes Praxisbeispiel, um anhand realer Zahlen die Vorgehensweise bei einer Break-Even-Analyse darzustellen. Legt man die Werte der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) des Jahres 2010 zugrunde, bräuchte Sky rund 3,5 Millionen Abonnenten, um beim Betriebsergebnis* eine schwarze Null zu schaffen (siehe den Blog-Eintrag “Mr Sullivan braucht mindestens 3,5 Millionen Kunden”). 2011 hatte man im Jahresdurchschnitt aber nur 2,8 Millionen. Es überrascht also nicht, dass das vergangene Geschäftsjahr erneut mit einem negativen operativen Ergebnis* endete (-220 Mio Euro).

Im ersten Vierteljahr 2012 kletterte die Abonnentenzahl bei Sky D zwar auf über 3 Millionen. Die Earnings before Interest and Taxes (EBIT)* blieben aber tiefrot (-57 Mio Euro im 1. Quartal). Etwas rätselhaft, wie Brian Sullivan, der Chef von Sky Deutschland, da zur Einschätzung gelangen konnte: “These are once again excellent results for Sky Deutschland”. Damit diese frohe Botschaft trotz der hohen Verluste überzeugend bei den Analysten und Aktionären ankommt, hat sich allerdings Mr Sullivans Powerpoint-Truppe mit den Unterlagen der Q1-2012-Präsentation viel Mühe gegeben. Werfen Sie mal einen Blick auf die Folie “Revenues” (Umsatzerlöse).

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Zu sehen ist die Entwicklung der Sky D-Umsatzerlöse im jeweils ersten Vierteljahr von 2008 bis 2012. Von Q1-2011 (269,3) nach Q1-2012 (318,4) gab’s ein schönes Umsatzwachstum von 18 Prozent. Vergleicht man den Start ins Jahr 2012 mit dem vor vier Jahren, sind’s sogar fast 38 Prozent Zuwachs. Gar nicht schlecht. Den Diagramm-Monteuren von Sky war das scheinbar dennoch zu mickrig. Sie schnitten aus der unsichtbaren Größenachse (Y-Achse) kurzerhand 150 Mio Euro heraus, um der Säulenreihe den richtigen Pepp zu verpassen. So ist die Säule unter 318,4 doppelt so hoch wie diejenige unter 231. Dieser Trick mit der abgeschnittenen Ordinate lässt den Aufwärtstrend viel rasanter erscheinen, als dies durch die nackten Zahlen gestützt wird.

Rolf Hichert, dessen Unternehmen Hichert+Partner auf die Vermittlung von Managementinformationen spezialisiert ist, bezeichnet Folien wie die mit den Sky Deutschland-Umsätzen griffig als Lügendiagramme. Auf Hicherts Internetseiten finden sich in verschiedenen “Schreckenskellern” zahlreiche Beispiele verknorzter Diagramme. Ein Besuch lohnt sich.

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Bei Sky hat das Folien-Tuning Methode. Geht’s um positives Wachstum, wird von den Y-Achsen gerne ein Stückchen weglassen. Zum Beispiel auch auf der Folie mit der wichtigen Kenngröße ARPU (= Average Revenue per User), dem durchschnittlichen monatlichen Umsatzerlös pro Abonnent (Folie 12). Die letzten Zweifel beseitigt ein Blick auf Folie 13 in der Präsentation des Pay TV-Senders. Da geht’s um die Kostenentwicklung. Von Q1-2008 nach Q1-2012 stiegen die Kosten von 228,1 auf 359 Millionen Euro (+57%). Aus naheliegenden Gründen haben die Foliendesigner hier auf den “Wir-schneiden-150-Mio-Euro-aus-der-Y-Achse”-Trick verzichtet, der bei der Revenues-Folie zum Einsatz kam. Und damit wirklich niemand angesichts des hässlichen Kostenanstiegs erschrickt, ist die Säule für 359 Mio. Euro Kosten auf Folie 13 auch viel kleiner als diejenige für 318,4 Mio. Euro Erlöse auf Folie 4.

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Zwischenfazit: Ergänzend zur Redewendung “Trau’ keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!” empfehle ich: Trau keinem Diagramm, das Du nicht selbst frisiert hast!

Sucht man in der Sky-Berichterstattung nach einer Kennzahl für den betrieblichen Erfolg, findet man an einigen Stellen die Kennzahl EBITDA. Diese Abkürzung steht für Earnings before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization und bedeutet Gewinn ohne Berücksichtigung von Zinsen (Finanzierungsaufwand), Steuern und Abschreibungen. Klingt kompliziert und erweckt den Anschein, als hätten BWL-Experten lange darüber nachgedacht, wie man operative Unternehmenserfolge präzise messen kann. In der Regel geht es Unternehmen, die ihr EBITDA in den Vordergrund rücken, aber schlicht um Schönfärberei.

EBITDA zählt zu den sogenannten Proforma-Kennzahlen. Für ihre Ermittlung gibt es keine harten Standards. Unternehmen können Proforma-Größen neben den klar definierten bilanziellen Ergebnisgrößen in ihr Investor Relations-Reporting einbauen, z. B. in eine chice Präsentation à la Sky. Bei der Berechnung des EBITDA werden nicht nur der Zinsaufwand und die Steuerbelastung ausgeblendet, sondern auch die ergebnisbelastenden Abschreibungen.

Unternehmen mit Sympathie für’s EBITDA liefern gerne folgende Begründung für die Verwendung der Kennzahl: So würde die Entwicklung der operativen Geschäftstätigkeit deutlich, “bevor sich Vorleistungen für die Erschließung neuer Geschäftsbereiche und Märkte, denen noch keine relevanten Erträge gegenüber stehen, auswirken” (Dt. Telekom, zitiert nach Rieg 2010). Auch solche Investitionen in frühen Marktphasen gehören allerdings zur betrieblichen Tätigkeit, oder? Außerdem stellt sich dann die Frage, warum gleich sämtliche Abschreibungen bei der EBITDA-Ergebnisermittlung unberücksichtigt bleiben. Z. B. auch diejenigen auf solche Sachanlagen, die man im Zuge von Ersatz- und Modernisierungsinvestitionen in Betrieb genommen hat.

Für die Telekommunikationsbranche hat der Aalener Controlling-Professor Robert Rieg die EBITDA-Problematik so beschrieben:
“[...] Abschreibungen [sind] für ein Unternehmen in der Telekommunikationsbranche nicht vernachlässigbar, und sie sind auch nicht nur Vorleistungen, die noch nicht zu Umsatzerlösen führen. Vielmehr sind sie Folge des Kerngeschäfts und der Unternehmensstrategie, namentlich der Bereitstellung einer sehr teuren Netz-Infrastruktur sowie der Akquisition von Unternehmen und immateriellen Vermögenswerten. Sie repräsentieren üblicherweise alle abzuschreibenden Vermögensgegenstände [...]. Ein Ergebnis ohne Abschreibungen wie EBITDA redet diese Bedeutung klein. Der Grund hierfür könnte darin liegen: Solche Abschreibungen belasten ein Telekommunikationsunternehmen erheblich, und zwar besonders dann, wenn sich die dahinterliegende Investition nicht gerechnet hat.”
Rieg 2010, S. 252 f.

Noch deutlicher brachte ein anderer Finanzexperte seine Vorbehalte gegen das EBITDA schon 2002 nach dem Platzen der Dotcom-Blase auf den Punkt:
“Wer [...] EBITDA zum Maßstab seiner Börsenbewertung machen will, tut dies häufig nur deshalb, weil unter dem Strich nach Abzug von AfA [Abschreibungen], Zinsen und Steuern wenig oder nichts übrig geblieben ist, was er vorweisen könnte.”
Zimmerer 2002.

Weiterhin lesenswert finde ich in diesem Zusammenhang einen Diskussionsbeitrag des St. Gallener Professor Fredmund Malik. Scherzhaft schlug er für ambitionierte Bilanzfrisöre die Kennzahl Earnings before Anything (EBA) vor. Das wäre bei Sky Deutschland übrigens schon heute positiv.

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Hoffnungen auf rosigere Zeiten macht sich das Sky-Management unter anderem aufgrund des Erfolgs bei der Vergabe der Bundesliga-Senderechte für 2013 bis 2017 und der Verpflichtung von Harald Schmidt als Late-Night-Talker. Um sich gegen die Deutsche Telekom weiterhin die Live-Übertragungsrechte für die Bundesliga zu sichern, muss Sky freilich viel tiefer in die Tasche greifen als bisher. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) bekommt vom Murdoch-Sender in Zukunft 485,7 Millionen Euro jährlich statt bisher 250 Millionen. Dafür darf Sky nicht nur – wie bisher – im Fernsehen live berichten, sondern auch via IPTV, Web-TV und mobile Endgeräte. Doch 236 Millionen Euro zusätzliche Fixkosten sind kein Pappenstiel. Die ca. 10 Mio Euro für Harald Schmidt fallen vor dieser Kulisse fast nicht mehr auf.

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Bei einem Fixkostenblock in spe von ca. 1,3 Mrd Euro jährlich und einem geschätzten Deckungsbeitrag pro Abonnent von 300 Euro, bräuchte Sky Deutschland für ein ausgeglichenes Betriebsergebnis 4,3 Millionen zahlende Nutzer. Ende März 2012 waren es erst 3,1 Millionen. Ein solch schwungvoller Kundenzuwachs innerhalb weniger Jahre scheint mir wenig realistisch. CEO Sullivan und sein Team werden deshalb versuchen, den Deckungsbeitrag (Erlös durch Abogebühren – variable Kosten) zu verbessern. Im Klartext: Sky muss spürbar höhere Nutzungsentgelte durchsetzen.

In der Realität, nicht nur in Powerpoint.

* Die drei Begriffe Betriebsergebnis, operatives Ergebnis und EBIT (Earnings before Interest and Taxes) verwende ich synonym.

Literatur:

  • Rieg, R.: Proforma-Kennzahlen – kein Ende der EBITANEI in Sicht? in: BC Zeitschrift für Bilanzierung, Rechnungswesen und Controlling 34 (2010) 6, S. 252-254
  • Zimmerer, X.: Bilanzen – Sinn oder Unsinn von EBIT/EBITA und EBITDA, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (2002) 12, S. 571

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Abstiegs(un)gefährdete Bayern

Steffen Wettengl | 15.02.2012 | BWL, Marketing 3 Kommentare
Verzweifelte FC Bayern-Anhänger • Blick in die zukünftige FCB-Spielstätte an der Grünwalder Straße (Fotos: ddp, Kurrat/flickr.com) • zum Vergrößern anklicken

“FC Bayern wird in Europa zum Abstiegskandidaten”. Das hört sich zunächst nur wie ein Wunschtraum eingefleischter Dortmund-Fans an – nach dem Genuss einiger Fläschken DAB Original. Das ist aber auch die Überschrift eines Artikels, der vor wenigen Tagen im Wirtschaftsteil der FAZ erschienen ist. Bevor sich die vielen FCB-Freunde unter den Hörern meiner Vorlesungen jetzt die mausgraue Zukunft des deutschen Rekordmeisters genauer ausmalen, sei aber Folgendes erwähnt. In dem Zeitungsartikel geht es um die neue “Football Money League”. Die Unternehmensberatung Deloitte erstellt diese Rangliste jährlich nach den erzielten Einnahmen. Der FC Bayern erreichte in der Spielzeit 2010/11 wieder den 4. Platz unter den 20 Top-Fußballclubs in Europa.

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Richtig gelesen, den vierten, nicht den viertletzten Platz oder so. Die Einnahmen der Münchner sind in der sportlich enttäuschenden Saison (nur Bundesliga-Dritter und CL-Achtelfinale) zwar leicht zurückgegangen. Von akuter Abstiegsgefahr kann aber nicht die Rede sein. Der Umzug ins Stadion an Grünwalder Straße, der in meiner Phantasie schon stattgefunden hat (Foto oben), steht nicht bevor.

Football Money League − Einnahmen europäischer Fußballklubs
(in Millionen Euro)
2010/11 2009/10
1.
2.
3.
4.
5.
Real Madrid
FC Barcelona
Manchester United
FC Bayern München
FC Arsenal
480
451
367
321
251
439
398
350
323
274

Der Blick auf die erzielten Einnahmen ist durchaus interessant. Er lässt zum Beispiel Schlussfolgerungen über den Wert der Clubmarken zu, insbesondere wenn man auf die unterschiedlichen Einnahmequellen schaut. Fußballclubs erzielen ihre Einnahmen laut Deloitte-Systematik aus drei Quellen: 1. Eintrittskarten (“Matchday Revenue”), 2. Fernsehrechten (“TV Revenue”) sowie 3. Sponsoring und Sonstiges (“Commercial Revenue”). Zu sonstigen Erlösquellen zählt auch der zunehmende Verkauf von Fanartikeln, sogenanntes Merchandising. Der FC Bayern gilt als starke Marke, weil er außerhalb des eigentlichen Spielgeschehens (1. + 2.) relativ hohe Einnahmen realisieren kann. Diese markengetriebenen Einnahmen stammen einerseits aus der Zusammenarbeit mit Sponsoren wie Allianz, Deutscher Telekom, Adidas und Audi (2009/10: ca. 83 Mio. €). Andererseits konnte der FC Bayern 2009/10 annähernd 40 Millionen Euro mit Merchandising-Aktivitäten erlösen. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes sah die Münchner deshalb im März 2011 in seiner Markenwert-Rangliste sogar als drittwertvollste Marke im Bereich Fußball, knapp vor (!) dem FCB aus Barcelona. Als wertvollste Team-Marke betrachtet Forbes zurzeit übrigens die New York Yankees (Baseball). Hier kann man die Rangliste nachlesen.

Markenwert von Fußballklubs im Forbes-Ranking (März 2011)
(in Millionen US-Dollar)
2.
3.
5.
7.
8.
Manchester United
Real Madrid
FC Bayern München
FC Barcelona
FC Arsenal
269
264
179
172
158

Die Sprüche vom bayerischen Abstiegskandidaten erscheinen auch dann unangebracht, wenn man nicht nur auf die erzielten Einnahmen oder geschätzte Markenwerte schaut. Harte Informationen zur wirtschaftlichen Verfassung der FC Bayern München AG liefern die Jahresabschlüsse mit Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Kapitalflussrechnung. Diese Jahresabschlüsse kann man sich im Elektronischen Bundesanzeiger kostenfrei anschauen. Sie belegen, dass der FCB solide Gewinne erwirtschaftet und ein beachtliches Eigenkapitalpolster aufgebaut hat.

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Die Bilanz eines Unternehmens zeigt die Vermögenslage zu einem Stichtag. Die bislang letzte vom FC Bayern im Bundesanzeiger veröffentlichte Bilanz zeigt die Lage zum 30. Juni 2010.* Jahresabschlüsse werden beim FCB nach den Regeln des deutschen Handelsgesetzbuchs (HGB) erstellt. Bei der Bewertung von Vermögen und Zahlungsverpflichtungen wird dabei das sogenannte Vorsichtsprinzip angewendet. Dieser Bewertungsgrundsatz ist in der deutschen Rechnungslegung besonders ausgeprägt und führt unter anderem dazu, dass im Wesentlichen nur solche Vermögenszuwächse berücksichtigt werden, die zum Bilanzstichtag bereits realisiert wurden. Für optimistische Annahmen, z. B. zum vermuteten wirtschaftlichen Wert eigener Marken, ist somit kein Platz. Durch die Anwendung des Vorsichtsprinzips wird aber in Kauf genommen, dass die Unternehmenslage in der Bilanz schlechter erscheint als die wirkliche Lage.

Konzern-Bilanz der FC Bayern München AG zum 30.06.2010
(in Millionen Euro)
Aktiva Passiva
Anlagevermögen (AV)
- Immaterielle Vermögensgegenstände
- Sachanlagen
- Finanzanlagen

Umlaufvermögen (UV)
- Vorräte
- Forderungen
- Liquide Mittel

Rechnungsabgrenzungs-
posten (RAP)
400
84
290
26

111
4
33
74

4
Eigenkapital (EK)
- Gezeichnetes Kapital
- Kapitalrücklage
- Gewinnrücklage
- Jahresüberschuss

Rückstellungen
Verbindlichkeiten
- davon langfristig:
- davon mittelfristig:
- davon kurzfristig:

Rechnungsabgrenzungs-
posten (RAP)
177
26
112
36
3

25
243
105
72
66

70
Bilanzsumme 515 Bilanzsumme 515

In der Bayern-Bilanz erkennt man die große Vermögensposition Sachanlagen. Dahinter steckt größtenteils die Allianz Arena, die der FCB AG zu 100 Prozent gehört. Immaterielle Vermögensgegenstände zeigen den bilanziellen Wert der Bayern-Spieler. Dieser wird aus den gezahlten “Anschaffungskosten” und Abschreibungen über die Laufzeit von Verträgen abgeleitet. Der bilanzierte Wert entspricht somit nicht dem echten Marktwert von “Robbery” und Co., sondern den “Restbuchwerten” derjenigen Spieler, die von anderen Vereinen erworben wurden. Die Münchner Eigengewächse Lahm, Schweinsteiger und Müller hinterlassen an dieser Stelle keine wertmäßigen Spuren. Auch eine Form von Vorsicht.

Der FC Bayern erreicht eine sehr ordentliche Eigenkapitalquote von gut 34 Prozent (Eigenkapital/Bilanzsumme). Den Schulden (338 Mio. €, einschl. RAP) steht also ein deutlich größeres Vermögen (515 Mio. €) gegenüber. Auch Verlustjahre könnten finanziell verkraftet werden. Allerdings macht die FC Bayern München AG ziemlich selten Verluste. In den vergangenen 19 Geschäftsjahren gab’s immer einen Gewinn vor Steuern (siehe diese FCB-Pressemitteilung).

Die Gewinn- und Verlustrechnung zeigt, dass der FCB-Konzern 2009/10 nicht nur ein positives Betriebsergebnis erwirtschaftet hat. Auch “unter dem Strich” steht ein Gewinn bzw. ein Jahresüberschuss von 3 Millionen Euro. Das schafft auch unter den Spitzenclubs nicht jeder. Beispiel: Manchester United. 2009/10 haben die “Red Devils” 286 Mio. Pfund (£) Umsatz gemacht. Das Betriebsergebnis (man sagt auch operating profit oder earnings before interest and taxes, kurz: EBIT) betrug stolze 63 Mio. £, die Umsatzrendite (Betriebsergebnis/Umsatzerlöse) somit stattliche 22 Prozent (FCB: nur 4 %). Allerdings brachte ManU 2009/10 auch ein beeindruckend schlechtes Finanzergebnis zustande: -78 Mio. £ Das hat vor allem in hohen Zinszahlungen seine Ursache, die bei Manchesters rund 800 Mio. £ Schulden anfallen. Fairerweise muss man aber erwähnen, dass Manchester United in der folgenden Spielzeit 2010/11 als Finalteilnehmer der Champions League 30 Mio. £ Vorsteuergewinn erwirtschaftete.

Konzern-Gewinn- und Verlustrechnung der FC Bayern München AG
(in Millionen Euro)
2009/10 2008/09
+
+



Umsatzerlöse **
Sonstige betriebliche Erträge
Materialaufwand
Personalaufwand
Abschreibungen
Sonstige betriebliche Aufwendungen
338
12
19
166
71
78
293
11
19
140
53
79
=
+
Betriebsergebnis (EBIT)
Finanzergebnis
15
-9
13
-11
=
Ergebnis gewöhnlicher Geschäftstätigkeit
Steuern
6
3
2
-1
= Jahresüberschuss 3 3

Von den vier Top-Vereinen der “Money League” (Real, Barcelona, ManU, Bayern) dreht der FC Bayern (noch) das kleinste Rad. Das liegt an den vergleichsweise niedrigen Einnahmen aus TV-Rechten und den moderaten Münchner Eintrittspreisen. Allerdings ist die “Bayern-AG” wirtschaftlich kerngesund. Das Geschäftsmodell ist auf langfristiges Wachstum ausgerichtet. Das wird auch an diesem Hinweis von Bayern-Präsident Uli Hoeneß deutlich:

“Für uns ist es wichtig zu sehen, dass von der ursprünglichen Kreditsumme von 340 Millionen Euro [zur Finanzierung der Allianz-Arena] in sechs Jahren mittlerweile die Hälfte abbezahlt ist. Wenn in sechs Jahren das Stadion abbezahlt ist, dann geht hier erst so richtig die Post ab. Das sind im Jahr jetzt noch 30 Millionen Euro an Zins und Tilgung, die können dann in die Mannschaft fließen.”
Uli Hoeneß, Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern München AG, im Oktober 2011 in einem Interview (hier nachzulesen)

Man kann auch sagen, dass der FCB wegen der derzeit noch laufenden “Turbo-Tilgung” der Schulden aus dem Stadion-Neubau noch etwas kleinere Brötchen backt als das spanische Top-Duo und Manchester United (anders formuliert: dass Uli Hoeneß die etwas kleineren Bratwürste grillt). Die These vom bayrischen Abstiegskandidaten erscheint im Licht der dargestellten Fakten aber mehr als fragwürdig.

Meine Prognose: In den fünf Spielzeiten von 2016/17 bis 2020/21 gewinnt der FC Bayern München mindestens einmal die UEFA Champions League. Mal schauen, ob man das schon heute als Online-Wette platzieren kann.

Auf der Suche nach Informationen zu diesem Blog-Eintrag bin ich unter anderem auf den Blog “The Swiss Ramble” gestoßen. Dort veröffentlicht ein offenbar fußballbegeisterter britischer Finanzexperte seine detaillreichen Analysen europäischer Fußballclubs. “Essential reading about the business of football, with a depth of knowledge that makes it stand well out from the crowd”, lautete Ende 2010 die Empfehlung auf guardian.co.uk. Wirklich sehr lesenswert.

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* Der FC Bayern hat mit dieser Pressemitteilung schon die wesentlichen Kennzahlen aus dem Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2010/11 veröffentlicht. Detaillierte Informationen für den Elektronischen Bundesanzeiger müssen innerhalb von 12 Monaten eingereicht werden. Der Konzern-Abschluss 2010/11 des FCB ist dort im Frühsommer 2012 zu erwarten.

** Die Umsatzerlöse in der Deloitte-”Money League” und dem HGB-Jahresabschluss des FC Bayern weichen etwas voneinander ab. So wie ich das überblicke, sind die Werte bei Deloitte niedriger, weil dort (a) die Allianz Arena München Stadion GmbH und (b) die erzielten Überschüsse aus Spielerverkäufen nicht enthalten sind.

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Die Schuldenuhr zeigt nur die Spitze des Schuldenberges
(Fotos: schuldenstaat.wordpress.com, natalielucier/flickr.com)

Deutschland hat gewaltige Staatsschulden. Ende 2011 wird der Schuldenstand bei 2,030 Billionen Euro angekommen sein. Die Zahlen auf der Schuldenuhr oben links wurden übrigens nicht gephotoshopt, sondern im Oktober 2011 aufgenommen. Kurz darauf entdeckte man den 56-Milliarden-Buchungsfehler bei der Bad Bank der Hypo Real Estate, und die Anzeige wurde zurückgesetzt. Momentan kommen pro Sekunde 1.556 Euro neue Schulden hinzu. Somit stimmt die 2,074-Zeile wahrscheinlich im November 2012 wieder mit der Realität überein. Wer’s ganz genau wissen will, kann sich mit diesem Link zur Seite des BdSt (Bund der Steuerzahler) klicken:

BdSt-Schuldenuhr

1.556 Euro neue Schulden pro Sekunde. Während einer Doppelsitzung “Einführung in die BWL” (2 x 90 Minuten) steigt die Schuldenlast also um fast 17 Millionen Euro an. Der originelle Vorschlag eines Teilnehmers, zur Begrenzung des Schuldenzuwachses am besten sofort die Vorlesung abzubrechen, hilft auch nicht wirklich.

Der Schuldenstand ist inzwischen so hoch wie 83 Prozent vom deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Bei dieser sogenannten Staatsschuldenquote stehen 2011 zwar Japan (233 %), Griechenland (166 %), Italien (121 %) und 16 andere Staaten noch schlechter da, allerdings zeigt eine Liste auf Wikipedia 151 Länder, die eine geringere relative Staatsschuld haben als Deutschland.

Wikipedia-Artikel

Soweit, so schlecht. Leider zeigt die Schuldenuhr “nur” die gut 2 Billionen Finanzverbindlichkeiten deutscher Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemeinden) an, also solche Schulden, die am Kreditmarkt aufgenommen wurden. Enthalten sind z. B. die gut 2,6 Milliarden Euro, die von der “Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH” vor wenigen Tagen für eine neue Staatsanleihe eingesammelt wurden. Auf der Schuldenanzeige fehlen aber satte 1,36 Billionen Euro für “schwebenden Versorgungsverpflichtungen” gegenüber Bundes- und Landesbeamten. Diese Zahl haben der Freiburger Professor und Rentenexperte Bernd Raffelhüschen und ein Team des Forschungszentrums Generationenverträge ermittelt. Die Ergebnisse ihrer Studie mit dem sperrigen Titel “Ausgabenprojektionen und Reformszenarien der Beamtenversorgung in Deutschland” haben sie gerade in Berlin vorgestellt. Unter anderem berichtete sueddeutsche.de.

SZ-Artikel BdSt-Seite

Das Problem entsteht durch die 1,38 Millionen Beamten in Deutschland (zu denen auch Professoren zählen). Wie Angestellte und Arbeiter auch haben Beamte einen Anspruch auf Ruhegehälter. Die heißen bei ihnen nicht Rente, sondern Pension. Außerdem erhalten Beamte sogenannte Beihilfen für Gesundheitsausgaben. Wären der Bund und die Bundesländer keine Gebilde des Staatswesens, sondern normale Unternehmen, hätten sie für die künftigen Pensions- und Beihilfezahlungen Rückstellungen bilden müssen. Haben sie aber nicht.

Rückstellungen sind solche Schulden, die dem Grunde nach feststehen, bei denen aber die genaue Höhe und der Fälligkeitszeitpunkt noch nicht exakt bestimmt werden können. Zum Beispiel ist im konkreten Fall noch unklar, welche genaue Zahl von Beamten für welche Zeiträume Pensionen beziehen wird. Ziemlich sicher ist aber, dass nicht wenige in den Genuss ihrer Ruhegehälter kommen werden. Beamte haben eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung (siehe “Sicherer Job, hohe Lebenserwartung”, Ergebnisse einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung).

Rückstellungen sind in einer Bilanz Teil des Fremdkapitals und stehen dem Vermögen eines Unternehmens gegenüber. So wird erreicht, dass entsprechend dem Prinzip kaufmännischer Vorsicht die Vermögenslage des Unternehmens nicht zu gut dargestellt wird. Ein aktuelles Beispiel für Rückstellungen liefern die Belastungen von Energiekonzernen durch den vorgezogenen Ausstieg aus der Atomenergie. Für den Aufwand, der beim Rückbau ihrer AKWs anfallen wird, bilden die betroffenen Stromproduzenten Stilllegungsrückstellungen. Diese mussten spürbar aufgestockt werden, als Mitte 2011 der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen wurde.

Zurück zu den deutschen Staatsschulden, die nach der gängigen offiziellen Buchführung viel zu niedrig ausgewiesen werden, weil die absehbaren Belastungen durch Beamtenpensionen und -beihilfeleistungen ausgeblendet werden. Der Barwert dieser “nicht sichtbaren, heimlichen Schulden des Staates” (Raffelhüschen) summiert auf 1,36 Billionen Euro, wenn man bis 2050 vorausschaut. Dies bedeutet: In Bezug auf diesen unsichtbaren Teil des staatlichen Schuldenbergs wäre die Welt in Ordnung, wenn der Staat heute über 1,36 Billionen zusätzliches Vermögen verfügen würde. Dann ließen sich aus diesem Vermögen und den daraus noch entstehenden Zinserträgen die voraussichtlichen Zahlungen zugunsten der Beamten leisten.

Dieses Extravermögen fehlt aber. Die Staatsschulden übersteigen das Staatsvermögen deutlich. Das Unternehmen “Deutscher Staat” ist somit massiv überschuldet. Zum Glück ist “die Fortführung des Unternehmens … nach den Umständen überwiegend wahrscheinlich.” Auch überschuldete Unternehmen dürfen nach dieser Regel aus dem aktuellen Insolvenzrecht (§ 19 (2) InsO) den Betrieb fortsetzen, obwohl die Zahlungsverpflichtungen die Vermögenswerte übersteigen. Dies erklärt auch, weshalb die Solon SE (SE = europäische Aktiengesellschaft), Hersteller von Solarmodulen und -anlagen, mit dieser Bilanz hier im Herbst 2011 noch ein paar Wochen weiterwurschteln durfte und nicht sofort Insolvenz anmeldete.

Bilanz der Solon SE zum 30.09.2012
(in Millionen Euro)
Aktiva Passiva
Anlagevermögen (AV)
Umlaufvermögen (UV)
186
280
Eigenkapital (EK)
Fremdkapital (FK)
- davon langfristig: 180
- davon kurzfristig: 389
-103
569
Bilanzsumme 466 Bilanzsumme 466

Am 13. Dezember stellte Solon dennoch Antrag auf Insolvenz, war also pleite. In den Bilanzdaten oben war eine drohende Zahlungsunfähigkeit schon klar zu erkennen: Das Umlaufvermögen (280 Mio. Euro) deckte längst nicht mehr die kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen (389). Anders betrachtet: Das langfristig gebundene Vermögen (186) war nicht mehr vollständig durch langfristiges Kapital (EK + langfristiges FK, hier: 77 Mio. Euro) gedeckt.

Anders als bisher Solon und andere Unternehmen erstellen der Bund und die meisten Bundesländer keine aussagekräftigen Bilanzen oder Gewinn- und Verlustrechnungen (GuV). Die Gebietskörperschaften wenden das einfache System der Kameralistik an. Entscheidende Bedeutung hat dabei der Haushaltsplan, in dem Einnahmen und Ausgaben gegenübergestellt werden. Ergibt sich ein Ausgabenüberschuss, hat man ein kurzfristiges Finanzierungsproblem. Bisher wurden diese Lücken dann durch Schuldenmachen “beseitigt”. Eine umfassende und zukunftsorientierte Darstellung der wirklichen staatlichen Vermögens- und Schuldenlage fand nicht statt. Lobenswerte Ausnahmen unter den Bundesländern: Hamburg erstellt seit 2006 einen Jahresabschluss, Hessen seit 2010.

Das sieht für Hessen zusammengefasst so aus:

Bilanz des Bundeslandes Hessen zum 31.12.2010
(in Milliarden Euro)
Aktiva Passiva
Anlagevermögen (AV)
Umlaufvermögen (UV)
25
11
Eigenkapital (EK)
Fremdkapital (FK)
- davon Rückstellungen: 52
- davon Finanzverbindlichkeiten: 38
- davon sonst. Verbindlichkeiten: 13
-67
103
Bilanzsumme 36 Bilanzsumme 36

Am negativen Eigenkapital (-67) erkennt man, dass die wahre Vermögenslage des Bundeslandes Ende 2010 schlechter war, als der alleinige Blick auf die hessische Schuldenuhr mit den Finanzverbindlichkeiten anzeigte (38). Die Bilanz macht den sonst unsichtbaren Teil des Schuldenberges sichtbar.

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Sky Deutschland-Chef Brian Sullivan (Foto: Sky Deutschland)

Vorstandsvorsitzende von Sky Deutschland (bis 2009 Premiere) hatten in den letzten Jahren eine ähnlich kurze Haltbarkeitsdauer wie Fußballtrainer beim VfB Stuttgart. Während Bruno Labbadia gerade versucht, die Schwaben vor dem Abstieg in die 2. Liga zu bewahren, müht sich in München Brian Sullivan (linkes Bild), den Pay TV-Sender endlich aus den roten Zahlen zu bringen. Zum letzten Mal gelang im Geschäftsjahr 2005 ein positives Betriebsergebnis, auch EBIT genannt (EBIT = Earnings before Interest and Taxes). Seitdem sind die Ergebniskennzahlen von Sky meist tiefrot. EBIT 2008: -156, 2009: -688 und 2010: -368 Millionen Euro. Dennoch haben Sullivan und der Hauptaktionär Rupert Murdoch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann auch in Deutschland mit Bezahlfernsehen Geld zu verdienen. Für das Erreichen der Gewinnzone wird entscheidend sein, ob es Sky gelingt, die Zahl der Abonnenten spürbar zu erhöhen. Der Blick auf den Geschäftsbericht 2010, den man hier downloaden kann, erlaubt eine grobe Abschätzung, wie viele Abonnenten Sky für ein ausgeglichenes Ergebnis bräuchte.

BWL-ler nennen solche Abschätzungen Break-Even-Analysen. Man braucht dafür drei Zutaten: Informationen über (1) Umsatzerlöse sowie (2) fixe und (3) variable Kosten. In den Daten des nach außen offengelegten externen Rechnungswesens sind zwar die Umsatzerlöse zu finden. Die Unterscheidung fixer Kosten, die für Sky unabhängig von der Abonnentenzahl entstehen, und kundenzahlabhängiger variabler Kosten ist dagegen im Geschäftsbericht (GB) 2010 nicht direkt zu erkennen. In der Gewinn- und Verlustrechnung (im GB auf S. 75) und den Anmerkungen dazu findet man jedoch Informationen über verschiedene Aufwendungen, die in der nachfolgenden Tabelle einem Kostentyp (fix/variabel) zugeordnet werden.

Sky GuV
Umsatzerlöse
Programm (Lizenzen)
Technik (Übertragung)
Hardware (Receiver)
Kundenservice
Marketing (Werbung)
Sonstige Vertriebskosten
Allgemeine Verwaltung
in Mio €
978
-752
-149
-53
-65
-76
-112
-88
Kostentyp
variabel
fix
fix
variabel
variabel
fix
variabel
fix

Summa summarum* 1.065 Millionen € geschätzte Fixkosten (Kfix) und 230 Millionen € geschätzte variable Kosten (Kvar). Durchschnittlich hatte Sky 2010 2,51 Millionen Abonnenten. Die variablen Kosten pro Kopf (kvar) lagen also bei 92 Euro. Die Umsatzerlöse sind bei Sky weitgehend kundenzahlabhängig. Pro Kopf erzielte der Pay TV-Sender 390 Euro Erlöse (u). Jeder Abonnent bringt Sky beim derzeitigen Stand einen Deckungsbeitrag von 298 € (u – kvar). Beim Sky-Beispiel hier lässt sich mit Hilfe des Deckungsbeitrags und der Fixkosten schnell die Break-Even-Abonnentenzahl ermitteln. Wie viele Kunden müssen jeweils einen Deckungsbeitrag von 298 € beisteuern, damit 1,065 Milliarden € Fixkosten gedeckt werden? 1,065 Mrd : 298 = 3,57 Millionen Abonnenten.

Ende 2010 hatte Sky immerhin 2,653 Abonnenten. Der Trend zeigte leicht nach oben. Allerdings fehlen entsprechend der Abschätzung oben noch rund 800.000 zusätzliche Abonnenten für eine “schwarze Null”. Als Vorstandschef ist Mr Sullivan natürlich weiter optimistisch (zumindest muss er so tun). In einem Interview mit der SZ (hier vollständig online) gab er diese Antworten:

SZ: Früher hieß es, Sie bräuchten 2,8 bis drei Millionen Abonnenten um Gewinne zu machen. Gilt das noch?
Sullivan: Das kommt ungefähr hin, um ein ausgeglichenes operatives Ergebnis zu erreichen, hängt aber natürlich auch von der Höhe unserer Investitionen ab.

SZ: Das Pay-TV in Deutschland versucht seit 20 Jahren, Gewinne zu machen. Warum sind Sie zuversichtlich?
Sullivan: [...] ich weiß: Wir haben inzwischen den deutschen Markt verstanden. Die Konkurrenz ist groß, unser Angebot unterscheidet sich auch deutlich. Wir haben tollen Sport, alle Bundesligaspiele, gute Filme, hohe Qualität. [...] Jetzt müssen wir nur noch unser Wachstum beschleunigen und dadurch nachhaltig profitabel werden.

SZ: Wann wird es soweit sein?
Sullivan: Ich gebe wie gesagt keine Prognosen mehr ab, sorry. Wenn jemand Pay-TV in Deutschland und Österreich erfolgreich machen kann, dann wir.

Zumindest nimmt Sullivan den Mund nicht ganz so voll wie sein Vorgänger Mark Williams. Der sagte Mitte 2009, er sähe keinen Grund weshalb Sky in Deutschland nicht 7,4 Millionen Kunden gewinnen könne (siehe hier). Hä!? Verdreifachte Abonnentenzahl? Ernsthaft? Naja, Williams meinte das langfristige Entwicklungspotenzial. Vielleicht dachte er an 2030 oder 2040.

Die Daten oben zeigen, dass Bezahlfernsehsender à la Sky ein extrem fixkostenintensives Geschäft betreiben. Ähnlich geht es z. B. in der Halbleiterindustrie zu. Gerade kündigte der Mikroprozessorhersteller Intel an, für 5 Milliarden US-Dollar ein neues Werk zu bauen (siehe diese Notiz). Bei Industrieunternehmen wie Intel muss bei derartigen Investitionen die Auslastung stimmen. Bei Sky ist die Kundenzahl der Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg. Brian Sullivan sagt zwar, dass 2,8 bis drei Millionen “ungefähr hinkommen”. Ich meine aber: 3,5 Millionen Abonnenten müssen’s schon sein.

Break-Even-Analysen auf Basis von Vergangenheitsdaten ersetzen natürlich nicht eine umfassende und zukunftsorientierte Umfeldanalyse. 3D-Fernsehen, das kostenpflichtige Internetangebot der Dt. Telekom und die vermutlich deutlich erhöhten Forderungen der Vereine in der nächsten Runde um die TV-Rechte für die Fußball-Bundesliga sind nur drei Herausforderungen, die auf Sky Deutschland zukommen werden. Auf manager-magazin.de findet sich ein aktueller Ausblick für das Bezahlfernsehen in Deutschland.

*) Wer aufmerksam mitgerechnet hat, vermisst in der GuV rund 50 Mio. € Aufwand. Im ersten Absatz heisst es schließlich -368 Mio € EBIT. Die fehlenden Aufwendungen sind Abschreibungen auf den Wert des Abonnentenstamms eines 2003 übernommenen Unternehmens. Ähnliche Aufwendungen dürfte es ab 2011 nicht mehr geben.
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