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Tag: S-Kurven-Konzept
Steven Sasson mit der ersten Digitalkamera von 1975 | Darstellung eines auf Kassette gespeicherten Digitalbildes auf einem Fernseher (Fotos: Kodak 2x)

Kodak, das Traditionsunternehmen der Fotobranche, steht seit Anfang 2012 unter Gläubigerschutz (→ siehe “Ende der silbernen Zeiten”). Der ehemalige “Gelbe Riese” konnte den fundamentalen technologischen Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie nicht bewältigen. Dabei waren es Mitte der 1970er Jahre Kodak-Ingenieure, die die erste Digitalkamera der Welt entwickelten und einen funktionsfähigen Prototyp bauten. Dieses Praxisbeispiel illustriert einige Herausforderungen, die sich Entwicklern und Managern am “Fuzzy Front End” des Innovationsprozesses stellen.

Steve Sasson (geb. 1950) hatte 1973 sein Masterstudium der Elektrotechnik abgeschlossen. Als frischgebackener Mitarbeiter in den Kodak Apparatus Division Research Laboratories (KADRL) erhielt er 1974 den Auftrag, sich näher mit den damals neuartigen CCD-Sensoren (CCD = Charge Coupled Device → Wikipedia) zu befassen. Diesen Typ lichtempfindlicher Mikrochips hatten George Smith und Willard Boyle 1969 in den legendären Bell Labs erfunden. 2009 erhielten beide dafür den Physik-Nobelpreis. Rund um einen solchen CCD-Chip bastelten Kodak-Ingenieur Sasson und seine Helfer ein Kamera-Wiedergabe-System, um die Funktionsfähigkeit einer digitalen “Still Imaging Camera” grundsätzlich einschätzen zu können (“to develop an understanding of this technology and to demonstrate the feasibility of the concept”, beschrieb er später das Projektziel).

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Ende 1975 war das filmlose Mustersystem einsatzbereit (Bildleiste oben) und hatte diese Eigenschaften:

  • Gewicht: 8½ US-Pfund (ca. 3,9 kg)
  • Größe: 8¾ x 6 x 9 Inches (ca. 22 x 15 x 23 cm)
  • Bildqualität: 100 x 100 Pixel Auflösung (0,01 Megapixel), schwarz-weiß
  • Speichern der Bilddaten auf Kassette: 23 Sek. pro Bild
  • Bildaufbau auf TV-Bildschirm: 30 Sek. pro Bild

“Da habt ihr wohl noch einiges zu tun”

Einmal mehr wird an dieser Stelle deutlich, dass frühe Prototypen und erste Produktgenerationen neuer Technologien in der Regel sehr unzulänglich sind (→ siehe “Schiedsrichter, Chipbälle und das S-Kurven-Konzept“). Das macht diese Episode von 1975 deutlich: Das allererste Foto mit ihrer 0,01-Megapixel-Kamera machten Sasson und sein Kollege Jim Ship von einer Technikerin aus einem benachbarten Labor.

“Ich habe ein Porträt von ihr gemacht, Kopf und Schultern, weißer Hintergrund. Danach legten wir die Kassette in das Wiedergabegerät ein, und nach dreißig quälenden Sekunden poppte tatsächlich etwas auf”, berichtete Steve Sasson 2009 der ZEIT in einem Interview.
Was konnten Sie erkennen?
Immerhin: den weißen Hintergrund und davor die Silhouette ihres langen schwarzen Haars. Es gab nur Schwarz und Weiß, keine Grautöne. Ihr Gesicht war deshalb völlig unkenntlich. Jim und ich waren trotzdem ziemlich aufgeregt. Die Technikerin war weniger beeindruckt. Sie meinte nur: Da habt ihr wohl noch einiges zu tun.”

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Erst 20 Jahre später begann der Markt zugunsten von Digitalkameras zu kippen. CCDs in den 1996 gängigen Modellen boten Auflösungen um 0,3 Megapixel. Das ermöglichte zumindest für kleine Formate halbwegs akzeptable Bildqualitäten. Heute protzen sogar manche Smartphone-Kameras mit über 10 Megapixeln – 1000mal mehr als bei Steve Sassons Prototyp.

Unter den Theoriebausteinen zum Technologie- und Innovationsmanagement beschreibt das S-Kurven-Konzept den typischen Verlauf derartiger Entwicklungen. Zu Beginn geht der technische Fortschritt langsam voran. Die Leistungsfähigkeit erster Produkte auf der Basis einer neuen Technologie ist oft hundsmiserabel und es dauert Jahre – wenn nicht Jahrzehnte – bis spürbare Verbesserungen erzielt werden. Eine zu gegenwartsorientierte Bewertung einer völlig neuen Technologie, während diese noch in den Kinderschuhen steckt, kann schnell zu Fehleinschätzungen führen. Deshalb ist bei der strategischen Bewertung ein (sehr) langfristiger Betrachtungszeitraum wichtig, für den das Weiterentwicklungspotenzial einer neuen Technologie abgeschätzt wird.

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Steve Sasson hat Anfang 1977 einen Technical Report für den Kodak-internen Gebrauch verfasst. Darin wirft der Entwickler einen visionären Blick in die Zukunft. Unter der Überschrift “The Camera of the Future” schrieb er damals:

“The camera described in this report represents a first attempt demonstrating a photographic system which may, with improvements in technology, substantially impact the way pictures will be taken in the future. A future camera for the consumer may be envisioned as a small device capable of taking color pictures under very low light conditions. The pictures will be stored in a magnetic medium on a nonvolatile solid state memory which will be removable from the camera for playback. The picture will have a resolution at least comparable to today’s 110 film. Sound will be recorded along with the image to aid in a picture’s description. The picture, existing in electronic form, could be sent over conventional communication channels with little or no modification. [...] The pictures will be saved on film, tape or video disk and the camera storage medium will be reused.”
Steve Sasson: Technical Report “A hand-held electronic still camera and its playback system” vom 12.01.1977, S. 5/6.

Im Rückblick auf sein “most fun project” schrieb Sasson über die damalige Einschätzung der Zukunftschancen einer Electronic Still Camera: “We were looking at it as a distant possibility” (→ “We Had No Idea” im Kodak-Blog). Auf allen für diese “entfernte Möglichkeit” wichtigen Technologiefeldern (“image sensors, digital memory, integrated circuits and microcomputer technology”) identifizierte Sasson in dem Technical Report erhebliche Verbesserungspotenziale. Der erfinderische New Yorker war sich zwar noch nicht definitiv klar darüber, ob und wann es zu einem Durchbruch der filmlosen Digitalfotografie kommen könnte. Die neue Technologie war aber auf dem Radarschirm und konnte weiter verfolgt werden.

Digitalfotografie als radikal neue Systemtechnologie

Mit dem späteren Erfolg am Markt brachte das neue System Digitalfotografie – nach der gängigen Unterscheidung von vier Innovationstypen – eine radikale Neuerung.

“Radical innovation establishes a new dominant design and, hence, a new set of core design concepts embodied in components that are linked together in a new architecture.”
Henderson/Clark: Architectural Innovation (1990), S. 2.

Außerdem hatte der Wechsel vom analog-chemischen zum digitalen Fotografieren den Charakter einer technologischen Systeminnovation. Funktionsfähig wurde die neue Technik nur als neues System komplementärer und kompatibler Technologien, die den neuartigen CCD-Sensor sinnvoll und miteinander verträglich ergänzten. Von Sasson und seinem Entwicklungsteam mussten unter anderem geeignete Komponenten für die Speicherung und die “Re-Visualisierung” der Bilddaten gefunden und teilweise angepasst werden.

“In December of 1975, after a year of piecing together a bunch of new technology [...], we were ready to try it. »It« being a rather odd-looking collection of digital circuits that we desperately tried to convince ourselves was a portable camera. It had a lens that we took from a used parts bin from the Super 8 movie camera production line downstairs from our little lab on the second floor in Bldg 4. On the side of our portable contraption, we shoehorned in a portable digital cassette instrumentation recorder. Add to that 16 nickel cadmium [AA-]batteries, a highly temperamental new type of CCD imaging area array, an a/d converter implementation stolen [!] from a digital voltmeter application, several dozen digital and analog circuits all wired together on approximately half a dozen circuit boards, and you have our interpretation of what a portable all electronic still camera might look like. [...]
[The] playback device incorporated a cassette reader and a specially built frame store.  This custom frame store received the data from the tape, interpolated the 100 captured lines to 400 lines, and generated a standard NTSC video signal, which was then sent to a television set.”
Steve Sasson in seinem Rückblick “We Had No Idea” im Kodak-Blog

Der Systemcharakter seiner Innovation bereitete Steve Sasson zunächst ein praktisches Problem. Entwicklungsfortschritte waren für ihn schlecht überprüfbar. Dies bezeichnete der Kodak-Ingenieur rückblickend als eine der größten Herausforderungen.

“I also remember that although we worked on this for about a year, we saw no images until both the camera and playback system were functional. Our only feedback for a year on whether anything was working came from voltmeter measurements or oscilloscope traces.”

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Radikal neue Systemtechnologien haben eine ganz andere Architektur als die zuvor dominierenden. Die neuen Systeme basieren auf einer neuen Funktionsstruktur. Wie das Beispiel Digitalfotografie zeigt, gibt es in radikal neuartigen Techniksystemen zumindest eine prinzipiell neue Komponententechnologie (hier: CCD-Sensor). Aber nicht alle Komponenten der neuen Systemlösung sind zwangsläufig total neu (hier: Objektiv, Batterien, Kassettenrekorder).

Aufgrund der hohen Komplexität sind die Potenziale und Zukunftschancen radikal neuer Systemtechnologien in frühen Entwicklungsstadien schwer abzuschätzen. Angesichts der langen Speicher- und Bildaufbauzeiten (23 bzw. 30 Sek. pro Bild) war Steve Sasson klar, dass nicht allein die Fortschritte bei den CCD-Sensoren für die Zukunft filmloser Fotosysteme entscheidend sein würden. So bezog er auch Alternativen im Bereich der Speichertechnologien in seine Prognoseüberlegungen ein. Auch die aktuelle Unsicherheit in Bezug auf die Entwicklungspotenziale (voll-)elektrischer Kfz-Antriebssysteme zeigt, wie knifflig eine frühzeitige Abschätzung bei radikal neuen Systemtechnologien ist.

Verändertes Marktumfeld:
Digitale Informationsgesellschaft statt Fotoalbum-Welt

Die Abschätzung künftiger Marktchancen für digitale Fotoapparate während der 1970er und 80er Jahre wurde durch einen weiteren Aspekt erschwert. Richtig attraktiv erscheint die digitale Fotografie, wenn man sich gedanklich von der Welt der papierenen Fotoalben entfernt. In die klebte der typische Gelegenheitsfotograf des Vor-Internet-Zeitalters liebevoll die Abzüge gelungener Schnappschüsse ein. In dieser “Fotoalben-Welt” ticken die Uhren (und die Fotografen) anders als in der echtzeitgetriebenen Informationsgesellschaft von heute. Für die Einschätzung der Technologieattraktivität macht es nicht nur in diesem Fall einen großen Unterschied, unter welchen Rahmenbedingungen (Stichwort → Szenarien) man sich den Einsatz von (neuen) Technologien vorstellt.

“Gravierende Unterschiede gibt es beispielsweise zwischen den Referenzsystemen [Szenarien], die man prägnant mit den Schlagworten “Fotoalbum-Welt” und “Digitale Informationsgesellschaft” charakterisieren kann. Ersteres beschreibt die “klassische” Nutzung von Standbildern, die nach der Entwicklung nicht weiterbearbeitet, sondern in ein Album eingeklebt und von Zeit zu Zeit angeschaut werden. Ganz anders eine Welt, in der eine wachsende Zahl versierter Nutzer von Computeranwendungen, umgeben von der Peripherie einer zunehmend vernetzen Informationsgesellschaft, Bilder nach ihrer Entstehung modifizieren, in selbsterstellte Präsentationsunterlagen einfügen oder sehr schnell und ohne Einschaltung eines Entwicklungslabors weitersenden möchte.”
Pfeiffer et al.: Funktionalmarkt-Konzept (1997), S. 150 (→ Google Books)

Das stark veränderte Nutzungsverhalten der Fotografen wird auch anhand dieser Beobachtung deutlich, die Steve Sasson 2009 der ZEIT beschrieb:

“Ich habe mal meine Tochter und ihre Freundinnen von einem Boyband-Konzert abgeholt. Es war eine ziemlich lange Rückfahrt. Die Mädchen saßen hinten, sie kicherten und schrien in einer Tour, und dabei sahen sie sich die Fotos an, die sie zuvor auf dem Konzert geschossen hatten. Horrorfotos, sag ich Ihnen, alles war verzerrt oder verdreht. Aber das spielte keine Rolle. Die Bilder haben das Konzert verlängert, ihretwegen haben es die Mädchen zum zweiten Mal erlebt und währenddessen die Fotos auch noch ihren Freunden geschickt. Ich fand das großartig. Meine Eltern oder ich, wir machen Fotos, um uns in ferner Zukunft zu erinnern. Meine Kinder machen die Bilder vor allem für den Augenblick. Um ihn zu teilen. Sie nutzen sie so, wie wir Worte nutzen.”
Steve Sasson 2009 im → Interview mit der ZEIT, das bereits oben zitiert wurde

Sasson und seine Gruppe führten ihr elektronisches System mehrmals Kodak-intern vor. Dabei stießen sie auf die geballte Skepsis vieler Kollegen. Mit “Film-less Photography” hatte E-Techniker Sasson den Präsentationen auch noch einen provokanten Titel verpasst (“one of the most insensitive choices of demonstration titles ever”). Das sollte ein Photoapparat sein!? Und außerdem: “Why would anyone ever want to view his or her pictures on a TV?” (beide Zitate aus dem “Rückblick “We Had No Idea” im Kodak-Blog). Man kann sich die großen Widerstände der etablierten Silberhalogenid-Fraktion lebhaft ausmalen.

Als FuE-Projekt war die Electronic Still Camera von 1975 ein Erfolg und wurde auch patentiert. Zu den guten Zutaten für das Gelingen zählen neben Steve Sassons Beitrag die starke Unterstützung durch seinen Vorgesetzten Gareth Lloyd, das leistungsfähige, überschaubare Team und die organisatorische Abgeschiedenheit (“It was a very small project with almost no budget and very few people knew we were working on it. We even had to clean out an unused back laboratory for some space. The situation was just about perfect to try something crazy”, → Steve Sasson im Kodak-Blog).

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Steven J. Sasson war von 1973 bis zu seinem Ruhestand 2009 für Kodak tätig. Er wurde mit zahlreichen Preisen für die Erfindung der Digitalkamera ausgezeichnet und ist Träger der U.S. Medal of Technology and Innovation (→ mehr zur Person).

Literatur:

  • zum Einfluss von Umfeldveränderungen auf die Technologieattraktivität: Pfeiffer, W./Weiß, E./Volz, T./Wettengl, S.: Funktionalmarkt-Konzept zum strategischen Management prinzipieller technologischer Innovationen, Göttingen 1997, → Google Books.

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Bernd Bohr, Mitglied der Bosch-Konzerngeschäftsführung – Zuhörer in der Aula

Vor rund 350 gespannten Zuhörern in der Aula der Hochschule Ulm hielt Bosch-Geschäftsführer Bernd Bohr am Dienstag, den 3. Mai 2011 den Vortrag “Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zum Elektrofahrzeug”. Hier ein paar Anmerkungen zu einigen (subjektiv ausgewählten) Vortragsinhalten und Aussagen des Vorsitzenden des Bosch-Unternehmensbereichs Kraftfahrzeugtechnik:

  • Kein Massenmarkt für Elektrofahrzeuge ohne reduzierte Herstellkosten und spürbare Leistungssteigerungen
    Aus Kundensicht haben Elektrofahrzeuge heute zwei gravierende Nachteile: 1. Reichweite und Lebensdauer der schweren Akkus sind sehr begrenzt (Teslas Reichweitenangabe für den Roadster gilt laut Dr. Bohr nicht für Fahrten auf die Höhen der Schwäbischen Alb). 2. Die Herstellkosten, vor allem für die Batterie, sind zu hoch. Für ein Electric Vehicle (EV) erwartet Bosch im Jahr 2020 Herstellkosten von 16.000 Euro – 5.000 mehr als die Kosten eines Verbrennungsmotorautos. Keine leichte Aufgabe für einen Verkäufer, Kunden mit Hilfe eines 45-prozentigen Preisaufschlags für ein Auto zu begeistern, dass gewissermaßen ständig “auf Reserve” fährt, wenn man an die Reichweite von Autos mit Verbrennungsmotor denkt, die nach Aufleuchten der Tankanzeige noch 80 bis 100 km schaffen.
    An anderer Stelle meinte Dr. Bohr, dass sich Verzichtsfahrzeuge in der Vergangenheit noch nie durchgesetzt haben. Gesucht sind also deutliche Einsparungen bei den Kosten und Verbesserungen bei den Leistungsgrößen. In puncto Stückkosten macht den Bosch-Geschäftsführer der Blick auf das Erfahrungskurven-Konzept optimistisch. Mit erhöhter kumulierter Produktionsmenge sinken typischerweise die Stückkosten. Dies gilt auch für analysierte Bosch-Erzeugnisse. Und je größer der Neuheitsgrad eines Produktes, desto größer ist die Lernrate, um welche die Stückkosten sukzessive zurückgehen. Die bisherigen Fortschritte bei Lithium-Ionen-Batteriezellen für Consumerprodukte (Faktor -3 jeweils zwischen 1995 und 2005, aber auch zwischen 2000 und 2010) stützen Dr. Bohrs Zuversicht für das eröffnete Rennen um günstigere Batterien für den Autoantrieb.
  • Denken in Szenarien
    Wesentliche Einflüsse auf die Marktchancen alternativer Kfz-Antriebe gehen nicht nur von (1) technischen Fortschritten aus, sondern auch von (2) gesetzlichen Rahmenbedingungen und (3) zukünftigen Kundenbedürfnissen. Bei Bosch spielen in der strategischen Technologieplanung Szenarien eine wichtige Rolle. Diese beschreiben “langfristig denkbare Marktumfeldentwicklungen” (Definition der Zukunftsforscher bei Daimler).
    Für das Mobilitätsverhalten der Deutschen 2020ff. sind recht verschiedene Entwicklungen möglich. Zum Beispiel ein Szenario “Virtuelle Personenmobilität”, in dem der Pkw als Verkehrsmittel an Bedeutung verliert, weil immer mehr Menschen nur noch selten real, dafür aber virtuell (über das Internet) mobil sind. Blasse Nerds, die mit 3 GByte Datentransfer pro Sekunde und einem anständigen Pizzaservice in der Nähe zufrieden sind, brauchen keinen Pkw mehr. Regelmäßig wird überprüft, in welche Richtung sich gesellschaftliche Gruppen entwickeln, welche Trends verstärkt wirken und welche Konsequenzen daraus für unterschiedliche Technologien entstehen.
    Auch wenn zukünftige gesetzliche Rahmenbedingungen schwer planbar erscheinen (Dr. Bohr: “Politik ist überhaupt nicht vorhersehbar!”), liegt es sehr stark an staatlichen Anreizprogrammen und Emissionsrichtlinien, in welchem Maß sich alternative Antriebe durchsetzen werden. In einem “Below 10″-Szenario wären 2050 nur noch 10 g CO2 pro km zulässig. Bei einer solch drastischen Verschärfung ginge die Dominanz der reinen Verbrennungsmotorantriebe etwa 2030 zu Ende (nachlesbar auch in der → McKinsey-Studie “Boost!”). Bei Bosch erwartet man offenbar eine für Elektrofahrzeuge weniger rasante Entwicklung. An Brennstoffzellenantrieben wird deshalb zur Zeit nur noch zurückhaltend gearbeitet. Sie bleiben der “Plan B”, sollte die Elektrifizierung des Kfz mit reinen Batteriekonzepten sich nicht durchsetzen.
  • Sailing Ship-Effekt bei Verbrennungsmotoren?
    In seinem Bestseller “Innovation – Die technologische Offensive” beschreibt Richard D. Foster nicht nur das klassische S-Kurven-Konzept, mit dem sich prinzipielle Technologiewechsel griffig erklären lassen. Foster erzählt auch die unglückliche Geschichte des 7-Masters “Thomas W. Lawson”, der noch Anfang des 20. Jahrhunderts mit dampfgetriebenen Schiffen konkurrieren sollte, die ab 1840 aufgekommen waren. Das riesige Segelschiff schaffte zwar bei günstigen Verhältnissen 22 Knoten, erwies sich aber als schwer steuerbar und sank schon fünf Jahre nach Indienststellung. Der Sailing Ship-Effekt beschreibt das Phänomen, dass etablierte Unternehmen beim Auftauchen einer neuen Technologie ihr Heil in einer nochmals verstärkten Weiterentwicklung der bislang dominierenden Technologie suchen – und scheitern.
    Dr. Bohr wies darauf hin, dass bei Verbrennungsmotoren zur Zeit viel mehr Leistungsverbesserung stattfindet als in den vorangegangenen Jahrzehnten (Stichworte: Downsizing, Turboaufladung, Start-Stopp-Betrieb, Benzin-Direkteinspritzung, …). Ist das nun ein ähnliches letztes Aufbäumen wie das der Segelschiffprotagonisten? Wohl kaum. In den allermeisten Szenarien spielt der Verbrennungsmotor noch mindestens 20 bis 30 Jahre eine maßgebliche Rolle im automobilen Antriebsstrang. Teilweise zwar nur noch als eines von mehreren Subsystemen neben Batterie und E-Motor. Aber der Verbrennungsmotor ist noch kein Auslaufmodell.
  • Impulse aus anderen Industrien nutzen
    Bei radikalen Systeminnovationen dringen häufig Unternehmen aus anderen Bereichen in diejenige Branche ein, die vor einem Umbruch steht. Führende Unternehmen können davon profitieren, z. B. Know-how für neue Komponententechnologien frühzeitig einbeziehen. Seit Ende 2008 arbeitet Bosch mit dem koreanischen Elektrokonzern Samsung in einem 50:50-Gemeinschaftsunternehmen (SB LiMotive) an der Entwicklung und Fertigung von Lithium-Ionen-Batteriezellen und -systemen für elektrische Kfz-Antriebe und das elektrische Kfz-Bordnetz. Die Koreaner verfügen aus der Produktion von Notebook-, Mobiltelefon- und Elektrowerkzeugakkus über Erfahrung mit der Lithium-Ionen-Technologie. Bosch bringt z. B. erhebliches Wissen über das elektrische Bordnetz und branchenspezifische Anforderungen in der Autoindustrie mit.
    Aus Bosch-Sicht ist nicht nur das technische Know-how von Samsung hilfreich. Impulse kommen auch aus andersartigen Prozessen. Dr. Bohr wies auf ein konkretes Beispiel hin: Für Bosch-Verhältnisse völlig untypisch wurde im koreanischen Ulsan innerhalb von nur neun Monaten eine Fabrik für die Fertigung von Lithium-Ionen-Batteriezellen aufgebaut. Als Komponentenlieferant und Endprodukthersteller auf Märkten mit deutlich kürzeren Marktzyklen (Computer, Mobiltelefone, Flachbildschirme, …) ist man bei Samsung einen noch schärferen Zeitwettbewerb gewohnt, als ihn Bosch aus der Kfz-Industrie schon kennt.
  • Interne Organisation der Aktivitäten zur Elektromobilität
    Entwicklungsarbeiten für eine völlig neue Technologie sind innerhalb etablierter – und womöglich festgefahrenen – Strukturen einer bislang dominierenden Technologie latent gefährdet. Die klassische Empfehlung zur Organisation von Aktivitäten für prinzipielle Innovationen lautet deshalb: Je neuer die Technologie und das erforderliche neue Know-how, desto autonomer sollte ein Innovationsprojekt in einem Konzern oder sogar außerhalb eingerichtet werden.
    Auf den ersten Blick widerspricht die derzeitige Bosch-Organisation der Aktivitäten rund um’s Elektromobil dieser Empfehlung. Der Produktbereich “Elektrofahrzeug- und Hybridtechnologie” ist Teil des großen Geschäftsbereichs Benzinsysteme mit klassischen Erzeugnissen wie Zündung, Einspritzventilen und Kraftstoffversorgung. Gute Argumente für dieses “Andock-Konzept” liefern aber laut Dr. Bohr zum einen die Synergien im Vertrieb. Die Kunden (BMW, Daimler, …) bleiben vielfach die gleichen. Zum anderen steckt in den mittelfristig zu erwartenden Zwischenstufen auf dem Weg zum rein batteriegestützten Elektrofahrzeug, also Hybrid- und Range Extender-Fahrzeugen, noch ein Verbrennungsmotor, meist ein Benzinmotor. Vorhandenes technisches Know-how für die Technologie Verbrennungsmotor wird also nicht schlagartig entwertet.

Mein Fazit nach gut 100 Minuten Vortrag und Antworten auf Fragen aus dem Publikum: Die Redakteurin Susanne Preuss hatte 2006 recht, als sie in der FAZ über den Bosch-Manager schrieb: “Drumherumreden ist Bernd Bohrs Sache nicht.” Informationen und Einschätzungen aus erster Hand, ohne jeden Versuch des Referenten allwissend zu erscheinen. “Wir wissen, dass der Strukturbruch kommt. Die Frage ist: Wann?” Die Frage nach den in Zukunft vorherrschenden Antriebstechnologien im Kfz bleibt hochspannend.

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Zu der krassen Fehlentscheidung im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und England (“Lampard-Tor”) passt ein Posting über technische Entscheidungshilfen im Profifußball. Eine der vieldiskutierten neuen Technologien ist ein Chipball-System. Dabei ist der Fußball mit einem Funkchip ausgestattet und mit bis zu 2000 Signalen pro Sekunde soll der Chipball hochpräzise geortet werden können.

Ein solches Chipball-System für Fußballspiele zählt schon seit ein paar Jahren zu meinen Lieblingsbeispielen für neue Technologien, die zunächst unter massiven Unzulänglichkeiten litten. Die Generalprobe für das System ist bei Junioren-WM 2005 nämlich gründlich daneben gegangen. Bei einer Partie, die 1:0 endete, hatte der Funkchip insgesamt sechs Tore an den Schiedsrichter gemeldet. 1x richtig und 5x falsch – verständlich, dass nach diesem Test noch niemand auf die neue Technologie setzen wollte. Die herkömmliche Technologie “Menschliche Schiedsrichter” schaffte bei Deutschland – England immerhin 5x richtig und “nur” 1x falsch. Allerdings wurde die Chipball-Technologie in den vergangenen Jahren gehörig verbessert, sagt man bei Adidas. Es scheint, als könnten nun Fehler bei Torentscheidungen nahezu ausgeschlossen werden.

Richard D. Foster beschrieb Mitte der 1980er Jahre in seinem Buch “Innovation – The Attacker’s Advantage” (deutsch: “Innovation – Die technologische Offensive”, Signatur 658.01 Fos in der Bibliothek der Hochschule Ulm, hier kann man bei Google Books durchblättern) den Wechsel auf neue Technologien als Sprung auf eine andere S-Kurve. Die Kernaussagen des S-Kurven-Konzepts: Mit Prototypen und den ersten Produkten auf Basis einer neuen Technologie lässt sich deren Leistungspotenzial noch kaum erschließen. Es folgt aber häufig eine schwungvolle Wachstumsphase mit deutlichen Leistungssteigerungen und einer hohen FuE-Produktivität. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung bewirken zu dieser Zeit sehr große Technikfortschritte. Später aber nimmt die FuE-Produktivität wieder ab, und es lassen sich nur noch geringfügige Verbesserungen erzielen. Ein gravierender Managementfehler, der sich anhand des S-Kurven-Konzepts gut verdeutlichen lässt, ist eine zu gegenwartsnahe Bewertung neuer Technologien in deren früheren Entstehungsphasen. Wer nur das falsche Piepsen der Chipball-Sensoren beim ersten Härtetest hört, nimmt das langfristige Weiterentwicklungspotenzial nicht wahr und verpasst womöglich den rechtzeitigen Wechsel zur neuen Technologie. Nach diesem Muster unterschätzten Mitte der 1990er Jahre viele vermeintliche Experten die Digitalfotografie. Sie schauten nur auf die damals miserable Bildqualität von 0,3-Megapixel-Digitalkameras, die dennoch 1200 bis 1500 DM kosteten.

Das Beispiel der Chipball-Technologie zeigt auch deutlich, dass technische Innovationen soziale Prozesse sind: Letztlich sind die möglichen Anwender entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg einer neuen Technologie. Auch technisch überlegene Systeme verkaufen sich nicht von alleine. Sie müssen als überlegen wahrgenommen und akzeptiert werden. Maßgeblich für die weitere Entwicklung in puncto Chipball-System sind der Fußballweltverband FIFA und sein mächtiger Chef Sepp Blatter. Kurz vor dem Test bei den Junioren gab sich der Schweizer 2005 noch sehr technikfreundlich und stellte sogar einen Einsatz des Chipballs bei der WM 2006 in Aussicht. Die erheblichen Mängel sprachen dann gegen das neue System, und bei der FIFA schien die Ablehnung technischer Hilfen seither wie zementiert (“Beratungsresistenz der Fifa ist fast schon pathologisch. … Aber gegen die Irrationalität des Joseph Blatter ist kein Kraut gewachsen.”, hieß es z. B. in der TAZ). Inzwischen rührt sich aber auch bei der FIFA was. Der Einsatz von Hilfen à la Chipball soll erneut geprüft werden.

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