Hier und Jetzt!
| Steffen Wettengl | 07.10.2012 | Allgemein | 1 Kommentar |
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| Vorlesung ohne Smartphones • Raum-Zeit-Fenster (Hintergrundfoto: just-abi.com / Grafik nach: Böss-Ostendorf/Senft (2010), S. 182) |
Semesterstart. Zur Einstimmung habe ich in den vergangenen Tagen einen “Didaktik-Coach” (Klardeutsch = Ratgeber für Lehrer) gelesen. Das Buch “Einführung in die Hochschul-Lehre” hat zwar einen Bindestrich zuviel im Titel, enthält aber neben guten Tipps ein hilfreiches Schaubild (oben rechts im Bild). Die beiden Autoren nennen es Raum-Zeit-Fenster. Eine Vorlesung, bei der gelehrt wird und gelernt werden soll, kann nur funktionieren, wenn die Beteiligten im “Hier und Jetzt” zusammenkommen. Das gilt doppelt – sowohl in Bezug auf die körperliche als auch die geistige Anwesenheit.
Durch die logistische Brille betrachtet, heißt das, Professor und Studenten treffen sich zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Raum. Also im Fall meiner BWL-Vorlesung im WS 12/13 erstmals am 8. Oktober um 14:00 Uhr im Raum B 209. 14 Uhr sine tempore, also ohne zusätzliches akademisches Viertelstündchen vor dem eigentlichen Beginn (→ Wikipedia). Leider ist Pünktlichkeit bei der Deutschen Bahn und einzelnen Studierenden (teilweise sogar Professoren) nicht sehr in Mode. Dies zeigt auch die Reaktion eines Lehrbeauftragten an der Uni Hannover auf die Frage, was ihn an Studenten nerve:
“Mich nervt an Studenten vor allem Unpünktlichkeit. Ich mag es nicht, wenn Studierende zehn bis 15 Minuten nach Seminarbeginn in den Raum schlendern und gedankenverloren Unruhe erzeugen.”
Ein Lehrbeauftragter an der Leibniz-Uni Hannover
| Was denken Dozenten über ihre Studenten? Fragen an Dozenten der Leibniz-Uni Hannover, HAZ 30.01.2012 |
Oder doch alles halb so schlimm? Karlheinz Geißler, Professor an der BW-Uni München, hat einem seiner Bücher den Untertitel “Das Ende der Uhrzeit” verpasst und hält “die klassische Sekundärtugend der Pünktlichkeit” für ein Auslaufmodell. Statt pünktlich zu sein, müsse man heute “am Punkt” sein, also in der Lage, flexibel auf eine Situation zu reagieren. Pünktlichkeit stünde Flexibilität eher im Weg. Seine Prophezeiung vor gut zehn Jahren: “In Zukunft werden die Flexiblen Karriere machen und nicht die Pünktlichen”.
Ich würde ein Faible für Pünktlichkeit dennoch nicht gleich als Karrierehindernis einstufen. Pünktlich und flexibel wäre schließlich eine gute Kombi. “Unpünktlichkeit hat Einfluss darauf, wie ein Mitarbeiter im Hinblick auf Professionalität und Zuverlässigkeit wahrgenommen wird. Nicht nur für Vorgesetzte sondern auch für Kollegen ist wiederholtes Zuspätkommen ärgerlich”, meinte im Juni 2010 ein Manager des Internetportals Careerbuilder. Anlass für das Statement war eine Studie, die zeigte, dass Pünktlichkeit gerade wieder an Bedeutung für Arbeitgeber gewonnen hat.
| Pünktlichkeit als Auslaufmodell: Interview mit Prof. Karlheinz Geißler in der FAZ (10.07.2001) |
Pünktlichkeit als Zeichen von Zuverlässigkeit: “Den Chefs wird Pünktlichkeit wichtiger”, 22.06.10 |
Ein zweiter Gedanke zum Raum-Zeit-Fenster: Wer zwar im selben Raum hockt wie der Dozent, kann gedanklich dennoch meilenweit weg sein. Einen enormen Ablenkungsreiz bilden heutzutage Smartphones mitsamt den installierten Apps. Die Notebook-Welle ist dagegen in Hörsälen und Seminarräumen schon wieder abgeebbt. Aber ganz gleich ob sperriger Klapprechner oder schlanker Digitalassistent mit Apfellogo – beides strapaziert das Nervenkostüm des Profs. Das meint auch der Quantenoptiker Sascha Skorupka, den die Hannorversche Allgemeine Zeitung ebenfalls befragte.
Was sind „No-Gos“ in der Vorlesung?
“Quatschen, Smartphone und Laptop. Wer sich lieber Filme angucken möchte als zuzuhören, kann das gern tun, aber bitte nicht in der Vorlesung.”
(→ aus der schon oben zitierten HAZ-Umfrage)
Das sehe ich genauso und habe Notebook, Smartphone & Co. für meine Vorlesungen zu unerwünschten Mitbringseln (“Utensilia non grata“) erklärt. Manchen Zuhörern erscheint das zu bevormundend. Das typische Gegenargument lautet: “Studenten sind zwischen 20 und 29 Jahren alt und sollten selber entscheiden können, welche Informationen wichtig sind und welche nicht.” So stand’s nach dem letzten Semester in einer studentischen Bewertung (Evaluation) meiner BWL-Vorlesung. Klingt zwar einleuchtend und das studentische Grundrecht auf freiwilligen Informationsverzicht kann ich als Dozent natürlich nicht einschränken.
Problematisch am Smartphonegebrauch während der Vorlesung sind aber (mindestens) zwei Aspekte. Man kann nicht nicht kommunizieren, stellte Paul Watzlawick (1921-2007) im Zuge seiner Forschungen fest. Damit meinte er keinen inneren Zwang, täglich Hundert Tweets zu veröffentlichen. Seine Aussage: Bewusst oder unbewusst, verbal oder nonverbal – ständig sendet man durch sein Verhalten Signale in Richtung seiner Mitmenschen. Wer in der Vorlesung zum iPhone greift, bringt mit diesem Verhalten sein Desinteresse zum Ausdruck und wirkt zumindest phasenweise unhöflich.
Außerdem entstehen Störeffekte für andere. Dies gilt vor allem, wenn durch einen längeren Ausflug ins vorlesungsferne Smartphoneland der Lernfaden reißt. Nach dem Wiedereintritt in die Vorlesungsatmosphäre muss dann mühselig “upgedatet” werden. Dazu braucht man Informationen von den Kommilitonen (“Wo sind wir jetzt gerade?”, “Welchen Hinweis hat der Prof zu diesem Fachbegriff gegeben?”, …).
| David Cole: “Laptops vs. Learning”, Washington Post (07.04.2007) |
Schon vor ein paar Jahren schrieb der US-amerikansiche Jura-Professor David Cole für die Washington Post den Artikel “Laptops vs. Learning”. Sechs Wochen nachdem er die Nutzung von Laptops während seiner Vorlesung untersagt hatte, machte er eine Umfrage unter den Studenten. Die Rückmeldungen waren überraschend klar: 70 Prozent befürworteten die No-Laptop-Politik des Profs. Das passt zu Aussagen aus der anonymen Evaluation meiner Vorlesungen anno 2012. Beispiel: “Ich finde es super, dass Sie Leute, die nur am Smartphone hängen, ansprechen”. Oder “Notebook- und Handyverbot” erscheint in der Rubrik “Lob”.
Übrigens: Wer meint, die Beschäftigung mit iPhone & Co. würde die Fähigkeit, gleichzeitig das BWL-Gebabbel des Profs zu verarbeiten, kaum einschränken, sollte mal lesen, was der Ulmer Professor Manfred Spitzer zum Thema Medien-Multitasking schreibt.
“Multitasker können sich nicht so gut auf das Wesentliche konzentrieren, sind leichter ablenkbar und können nicht einmal besser zwischen unterschiedlichen Aufgaben hin und her wechseln als Nicht-Multitasker. Im Gegenteil: Sie können all dies deutlich schlechter. Mit anderen Worten, wer noch keine Aufmerksamkeitsstörung hat, der kann sie sich durch Multitasking antrainieren.”
M. Spitzer im Interview mit dem Boersenblatt, November 2010
| Interview mit Prof. M. Spitzer, boersenblatt.net (Nov 2010) |
M. Spitzer: Multi-Tasking – Nein danke! in: Nervenheilkunde 12/2009 |
Neurowissenschaftler Spitzer empfiehlt, sich beim Lernen lieber ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren. Montags in meiner – smartphonefreien – BWL-Vorlesung sind das so spannende Inhalte wie die Wahl der Unternehmensrechtsform und die Vorgehensweise bei der Kapitalwertermittlung. Viel Spaß dabei im “Hier und Jetzt”!
Literatur:
- Böss-Ostendorf, A.; Senft, H.: Einführung in die Hochschul-Lehre, Opladen-Farmington Hills 2010 (Signatur 37.02 Boe in der Bibliothek der Hochschule Ulm)
- Spitzer, M.: Digitale Demenz, München 2012 (Signatur 301.13 Spi in der Bibliothek der Hochschule Ulm)
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