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Tag: Verlagerung/Offshoring

Offshoring from China

Steffen Wettengl | 06.02.2012 | Allgemein, BWL, RaKo 6 Kommentare
Steiff-Teddybär auf der Rückreise (Foto: heavensentgifts.uk.com) •
Blick in eine Stofftierfabrik in Nanjing, China (Foto: weltumspannend arbeiten) •
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Nein, dieser Blog wurde (noch) nicht auf Englisch oder Denglisch umgestellt, auch wenn die Überschrift das vermuten lässt. Inhaltlich geht es in diesem Beitrag um Standortentscheidungen. Nebenbei gibt’s aber auch zwei Hinweise, wie man mit Hilfe von Podcasts seine Englischkenntnisse verfeinern kann.

Die Financial Times Deutschland (FTD) bietet online die Podcast-Reihe “Business English” an. Das Schöne an diesem Angebot: Es gibt kleine Vokabelhilfen, und man kann parallel zum Hören auch die jeweiligen Texte lesen.

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Vor wenigen Wochen erschien ein Artikel über den aktuellen Trend, dass chinesische Unternehmen die Produktion arbeitsintensiver Produkte zunehmend in Länder mit noch niedrigeren Arbeitskosten verlagern. In den vergangenen zehn Jahren fanden zahlreiche Standortverlagerungen – auch aus Deutschland – nach China statt. In den frühen “00er-Jahren” machte sich für diese Bewegung in Richtung günstigerer, häufig (fern-)östlicher Standorte der Begriff Offshoring breit. Bislang profitierte China vom Offshoring-Trend. Angesichts rasant steigender Löhne und einer starken Landeswährung häufen sich nun aber die Fälle, in denen chinesische Firmen ihre Produktion ganz oder teilweise in Länder wie Vietnam und Bangladesch verschieben. Offshoring from China, sozusagen.

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Diesen Bericht über Herrn Liu und Herrn Hui zu hören bzw. zu lesen, war für mich ein regelrechtes Déjà-vu-Erlebnis (Déjà-vu, frz. „schon gesehen“ = psychologisches Phänomen, das sich in dem Gefühl äußert, eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen oder geträumt zu haben, → Wikipedia). Vor zehn Jahren waren ständig Herr Schrempp (Daimler) und Herr von Pierer (Siemens) in der Presse, die sich über den Standort Deutschland im Vergleich zu aufstrebenden Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien Gedanken machten.

Die Argumente sind die gleichen geblieben. Nur hat China im Wettbewerb mit Ländern wie Bangladesch die Rolle des schon etablierten Standorts inne. Auch durch heraufgesetzte Mindeslohngrenzen steigen in den kommenden Jahren in China die Löhne um fast 20 Prozent jährlich (Credit Suisse-Prognose für 2011 bis 2015). In Bangladesch liegen die Löhne bei 20 bis 30 Prozent des chinesischen Niveaus, und die Arbeitszeiten sind länger (48 vs. 40 Stunden). Obendrein winkt im früheren Ost-Pakistan eine Steuerbefreiung für zehn Jahre (“Steuerferien”). Die starken Argumente pro China sind dagegen: erfahrenere Arbeiter, höhere Produktivität, bessere Infrastruktur und leistungsfähigere Zuliefernetzwerke.

An dieser Stelle passt der Hinweis auf diese Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) zu Produktionsverlagerungen aus dem Jahr 2008.

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Die Karlsruher Forscher zeigten damals auf, weshalb Unternehmen bisweilen Offshoring-Projekte rückgängig machten (“Backshoring”). Im Zuge von Standortentscheidungen zwischen deutschen Werken und Alternativen im lohngünstigen Ausland kommt es oft zu diesen typischen Fehlern:

  • Die Bewertung wird zu sehr auf Kosten, vor allem auf Arbeitskosten, ausgerichtet.
    Dabei sind deutsche Firmen meist als Technologie- bzw. Qualitätsführer erfolgreich. Außerdem spielen in manchen Branchen die Lohnkosten nur eine untergeordnete Rolle.
  • Potenziale am bestehenden Standort werden zu wenig berücksichtigt.
    Wachsen Unternehmen kontinuierlich über Jahrzehnte, entstehen nicht selten ineffiziente “Anbaufabriken”. Ein Beispiel liefert das 1957 eröffnete Stammwerk Barsinghausen des Keks-Konzerns Bahlsen. Die Transportwege zwischen Teigmacherei, Produktion und Verpackung wurden dort immer umständlicher. 2008 wurde aber sinnvollerweise neben Verlagerungsmöglichkeiten auch eine grundlegende Modernisierung geprüft. Schließlich wurden 40 Millionen Euro in die Effizienzsteigerung in Barsinghausen investiert. Der Standort blieb erhalten.
  • Die Netzwerkkonsequenzen durch einen neuen Standort werden nur unvollständig erkannt.
    Industriebetriebe sind von Rohstoff- und Teilezulieferern, Anlagenbauern und Dienstleistern abhängig. Gibt es für den anvisierten neuen Standort ein ähnlich leistungsfähiges Lieferanten- und Partnernetzwerk wie bisher? In Äthiopien müsste Mister Leung den Arbeitern in seiner Damenschuh-Produktion zwar nur Geringstlöhne zahlen, heißt es im Podcast. Hersteller von Schuhsohlen und Verpackungsmaterial hat der Hongkong-Chinese in Addis Abeba allerdings nicht gefunden.
  • Weitere Fehlerquellen sind eine statische statt einer dynamischen Bewertung wichtiger Faktoren (Stichwort: Lohnsteigerungen) und zu optimistische Annahmen in Bezug auf die Anlaufzeit, die am neuen Standort zu durchlaufen ist, bis sich Prozesssicherheit, Qualität und Produktivität eingependelt haben.

Einige Backshoring-Beispiele liefert dieser Bericht des Manager Magazins (siehe unten). Darunter auch Steiff. Der schwäbische Plüschtierhersteller, zog angesichts massiver Qualitätsprobleme die Notbremse und fertigt nun wieder in Deutschland. Wie der Produzent mit Traditionsmarke und perfektionistischer Stammkundschaft überhaupt auf die China-(Schnaps-)Idee gekommen ist, bleibt im Dunkeln.

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Fazit: Standortentscheidungen – ob Deutschland vs. China oder China vs. Bangladesch − haben strategischen Charakter. Die Analyse relevanter Faktoren ist daher tiefgehend und zukunftsgerichtet zu gestalten.

Noch eine kurze Empfehlung zum Thema Podcasts auf Englisch. Mein derzeitiger Favorit ist die Reihe “6 Minute English” der BBC. Go for it, enjoy listening!

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Langhaarige Mindestlohn-Flüchtlinge

Steffen Wettengl | 09.11.2010 | BWL, RaKo 5 Kommentare
Auf dem Weg nach Peking – zum Haareschneiden

Anders als in zahlreichen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keinen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Allerdings Festlegungen für bestimmte Branchen. So wurden im Frühjahr 2010 z. B. gesetzliche Mindestlöhne für Pflegekräfte (8,50 Euro pro Stunde) und Gebäudereiniger beschlossen (8,40 Euro pro Stunde). Ob eine allgemeine Lohnuntergrenze eingeführt werden sollte, ist weiterhin heftig umstritten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat dazu eine klare Meinung: Kein Lohn unter 8,50 Euro pro Stunde, heißt es auf mindestlohn.de. Dort bin ich unter /Material/Plakate auf das Plakatmotiv “Friseurbesuch” gestoßen. Beim “Frisieren” der langhaarigen Mindestlohn-Flüchtlinge wurden die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung keineswegs voll ausgeschöpft. Dennoch finde ich das Plakat gelungen.

Die Botschaft wird mal nicht mit bärbeißiger Gewerkschafterrhetorik vorgetragen, sondern in Form einer humorvollen Persiflage vermittelt. Auch bei einem flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland und dann spürbar höheren Preisen für Friseurdienste würde natürlich niemand einen halbstündigen Friseurbesuch ins Niedriglohnland China verlagern. Die DGB-Argumentation lautet verallgemeinert, dass sich mit einem allgemeinen Mindestlohn ohne unangenehme Nebenwirkungen mehrere wünschenswerte Ziele erreichen lassen: (1.) gerechtere bzw. faire Löhne für harte Arbeiten, aber auch (2.) eine durch höhere Löhne verstärkte private Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen (Wirtschaftswachstum). Außerdem lässt sich (3.) argumentieren, dass Mindestlöhne die Qualifikationsbereitschaft von Mitarbeitern fördern können.

Dennoch ist die Mehrheit der wirtschaftspolitischen Experten gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. In einem Brief an die damalige schwarz-rote Bundesregierung warnten 2008 sieben von ihnen davor, allgemeinverbindlich oder für eine Vielzahl von Wirtschaftzweigen Mindestlöhne einzuführen. Der vollständige Brief mit der Überschrift “Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!” kann auf dieser handelsblatt.com-Seite nachgelesen werden. Die wesentliche Argumentationslinie der sieben Wirtschaftsforscher lautet:

“Ein Viertel der privat Beschäftigten im Osten und etwa ein Zehntel im Westen verdienen weniger als diesen Betrag [2008 wurde über 7,50 Euro pro Stunde diskutiert]. Die notwendige Lohnerhöhung wird in erheblichem Umfang neue Arbeitslosigkeit erzeugen. Betroffen wäre dabei vor allem der Dienstleistungssektor. Auch wenn es den Unternehmen gelingt, die höheren Arbeitskosten großenteils auf die Preise zu überwälzen, hätte dies gravierende Auswirkungen, weil die Nachfrage bei steigenden Preisen sinkt. Häufig sind jedoch die Möglichkeiten begrenzt, erhöhte Arbeitskosten auf die Preise zu überwälzen. Dann werden die Unternehmen mit verstärkter Rationalisierung reagieren, also Arbeitskräfte durch Maschinen austauschen, oder mit der Verlagerung von Produktionsstätten, wenn die heimische Nachfrage nach den entsprechenden Gütern und Leistungen auch aus dem Ausland befriedigt werden kann, wo zu niedrigeren Löhnen produziert wird. Haushalte können zudem verteuerte Dienstleistungen durch Waren oder Schwarzarbeit ersetzen. So oder so – der Mindestlohn führt zu erheblichen Beschäftigungsverlusten.” (Blum et al.: Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!, 2008, Hervorhebungen nicht im Original).

Als konkretes Beispiel für die negativen Wirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns nennen die Mindestlohnskeptiker die hohe Arbeitslosigkeit bei jungen Franzosen. In Frankreich gibt es seit Jahrzehnten den SMIC (salaire minimum interprofessionnel de croissance = allgemeiner Mindestlohn). Anfang 2010 lag er bei 8,86 Euro pro Stunde (ausführlicher erklärt diese Seite der Französischen Botschaft den SMIC). Bei einfachen Tätigkeiten ist dieser Mindestlohn höher als die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft. Für ein Unternehmen lohnt es sich unter diesen Bedingungen nicht, eine derartige Stelle einzurichten und zu besetzen. In Zahlen: Rund 20 Prozent der Franzosen zwischen 15 und 24 Jahren sind arbeitslos.

Noch einmal ein Blick auf das Friseurbeispiel und die DGB-Kampagne. Bei Frisierdienstleistungen muss sich der Kunde persönlich am Produktionsprozess beteiligen. Eine Verlagerung ins weit entfernte China ist deshalb auch bei einem deutlich steigenden Preisniveau in Deutschland nicht zu fürchten. Ob es in grenznahen Gebieten zu einem “Frisiertourismus” wie bei der Jagd nach billigem Sprit kommen könnte? Vielleicht, wenn die Preise für einen Damenhaarschnitt auf über 100 Euro ansteigen. Mit anderen Ausweichmanöver der Kunden wäre eher zu rechnen: weniger Besuche beim Friseur, mehr Do-it-yourself im Familienkreis und mehr Schwarzarbeit. Ob sich aber Friseure verstärkt durch Maschinen wie den Flowbee- oder den Robocut-Haarschneideautomaten ersetzen lassen, darf bezweifelt werden (siehe auch diesen spaßigen Blogeintrag auf riesenmaschine.de).

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